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Debatte um Inzidenz : Augen zu vor den Fallzahlen?

Zahlreiche Menschen sitzen auf Liegestühlen und auf der Wiese in der untergehenden Sonne am Sonntagabend im Berliner James-Simon-Park. Bild: dpa

In Deutschland macht sich eine pandemische Zahlenphobie breit. Doch so lange die Impfkampagne die gesetzten Ziele nicht erreicht, bleibt die Inzidenz als Pandemie-Indikator keineswegs überflüssig. Das sieht man aktuell in England.

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          In einer chronisch aufgewühlten Teilmenge unserer Pandemiegemeinschaft gibt es die Sehnsucht nach einer Zahlenabstinenz, die sich an dem Begriff der Inzidenz festmacht. Fallzahlen zu den Infektionen, so lautet ihr Credo, haben keine Aussagekraft, und schon gar nicht in Niedriginzidenzzeiten wie den gegenwärtigen. Das Totschweigen der Infizierten gilt bei ihnen bereits als richtige Corona-Politik, wie die Bild-Zeitung als Mitteilungsblatt der Datenverächter Anfang dieser Woche wiederholt zu erkennen gab.

          Alle anderen wie die Wissenschaftler und Behörden, die faktisch auf die Fallzahlentwicklung angewiesen sind, um schnell die Dynamik des Infektionsgeschehens erfassen und bewerten zu können, sind für sie Aufwiegler und Ruhestörer, wenn sie mit den täglichen Neuinfektionen an die Öffentlichkeit gehen. Die Angst dahinter ist mit Händen zu greifen. Es ist die geisterhafte Furcht vor einem Lockdown-Automatismus.

          Keine Revolution, sondern ein längst bekannter Plan

          Drei Lockdowns sind genug, und deshalb soll der Spuk endlich beendet werden: Die Inzidenzkurven müssen abgeschafft werden. Das Robert Koch-Institut als Gralshüter der bundesweiten Fallzahlen erwägt dergleichen allerdings keineswegs, auch wenn das mit der Ankündigung einer coronapolitischen „Wende“ so vermittelt wird. Dahinter verbirgt sich eben gerade keine Revolution, sondern ein längst bekannter Plan. Die Hospitalisierungsrate, sprich: die Zahl der klinisch behandelten Covid-19-Opfer, soll künftig eine größere Rolle in der Beurteilung nötiger Corona-Maßnahmen spielen. Das wird die Inzidenz als Frühwarn-Indikator keineswegs überflüssig machen.

          Von denen, die sich heute infizieren, werden morgen viele erkranken. Der bisherige Impffortschritt hat diesen Corona-Automatismus allenfalls gelockert, doch noch immer nicht beendet, wie der Blick aktuell nach England mit steil ansteigenden Inzidenzen – und zeitlich versetzt Hospitalisierungen – zeigt. Augen zu und durch ist noch immer keine ernste Option.

          Joachim Müller-Jung
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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