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Datenethik : Der Weg der gestaffelten Algorithmen

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Bild: Picture-Alliance

Die datengetriebene Gesellschaft befürchtet nicht zu Unrecht den Missbrauch von Algorithmen. Deshalb will uns die Datenethikkommission vor den Folgen übergriffiger Künstlicher Intelligenz schützen. Geht das? Eine Analyse.

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          Hat das Handeln eines Menschen an sich einen ethischen Wert, der dem Funktionieren maschineller Systeme vorzuziehen ist? Dies bejaht die Datenethikkommission, die von der Bundesregierung im vergangenen Jahr beauftragt worden war, ethische Maßstäbe und konkrete Handlungsempfehlungen für den Schutz des Einzelnen, die Wahrung des gesellschaftlichen Zusammenlebens und die Sicherung und Förderung des Wohlstands im Informationszeitalter zu entwickeln. Leitfragen zu drei Themenfeldern hat die Bundesregierung dabei formuliert: Algorithmenbasierte Prognose- und Entscheidungsprozesse, Künstliche Intelligenz und Daten.

          Die Antwort der Datenethikkommission liegt nun vor. In einem knapp zweihundertdreißig Seiten umfassenden Gutachten formuliert sie nicht weniger als 75 konkrete (überwiegend rechtliche) Handlungsempfehlungen. Im Einklang mit dem Menschenbild des Grundgesetzes ist dem Gutachten die Sinndimension des menschlichen Handelns zugrunde gelegt: Im Handeln verwirkliche und entfalte sich der Mensch gemäß seinen Vorstellungen von einem sinnvollen Leben.

          Insofern könnten technische Systeme zwar ein Element menschlichen Handelns sein, aber menschliches Handeln niemals vollständig ersetzen, denn während sie lediglich funktionierten, frage der Mensch nach dem Sinn des Lebens.

          75 Empfehlungen

          Die Datenethikkommission orientiert sich nicht schematisch an vorgegebenen Fragen. Ihre Ausführungen beziehen sich auf Daten und algorithmische Systeme im Allgemeinen. Ihnen vorangestellt sind die allgemeinen ethischen und rechtlichen Grundsätze, insbesondere die Würde des Menschen, das Recht auf informationelle Selbstbestimmung, die körperliche und emotionale Sicherheit, die Zugangs- und Verteilungsgerechtigkeit sowie – wenngleich sie im Gutachten nur abstrakt zur Sprache kommt – die Nachhaltigkeit.

          Hieran orientiert, stellt die Datenethikkommission zunächst Anforderungen an die Nutzung personenbezogener Daten auf. Sie empfiehlt Maßnahmen gegen ethisch nicht vertretbare Datennutzung wie die Totalüberwachung, Profilbildungen, welche die Integrität der Persönlichkeit verletzen, oder die Beeinflussung politischer Wahlen im Widerspruch zum Demokratieprinzip. Aber auch jenseits der personenbezogenen Daten fordert sie, den datenbezogenen Schutz von Unternehmen zu verbessern. Großzügig zeigt sich die Datenethikkommission hingegen in Sachen datenbasierter Forschung, die in dieser Woche mit den Lesungen im Bundestag zum „Digitale-Vorsorge-Gesetz“ von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) auf die parlamentarische Tagesordnung kommt – und in den sozialen Medien bereits kontrovers diskutiert wird.

          Die Datenethikkommission wünscht sich vor allem eine Harmonisierung forschungsspezifischer Regelungen auf nationaler und auf EU-Ebene. Großes Potential sieht sie zudem im innovativen Datenmanagement und in Daten-Treuhandsystemen sowie in Konzepten offener Daten des öffentlichen Sektors. Daten-Sacheigentum oder ein dem geistigen Eigentum nachgebildetes Ausschließlichkeitsrecht an Daten sowie die Bezeichnung von Daten als „Gegenleistungen“ lehnt die Datenethikkommission ganz klar ab. Nicht ganz konsequent erscheint vor diesem Hintergrund ihr Vorschlag, Verbrauchern alternative Bezahlmodelle gegenüber der Freigabe von Daten anzubieten. Denn damit gesteht sie zugleich ein, dass Daten tatsächlich alternative Gegenleistungen darstellen.

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