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Das Kennedy-Attentat : Das Ende der Verschwörungstheorien

Nach dem Attentat: Die Limousine mit dem tödlich verletzten John F. Kennedy auf dem Weg ins Krankenhaus Bild: picture alliance / ASSOCIATED PR

Schoss außer Lee Harvey Oswald noch jemand auf John F. Kennedy? Die Antwort der ballistischen Wissenschaft ist eindeutig.

          4 Min.

          Einzelbild Nummer 313 fehlt zumeist. Auch die folgenden 20 bis 30 Bilder werden in Fernsehdokumentationen oft weggelassen – aus Pietät oder Gründen des Jugendschutzes. Er ist ja auch so grausig genug, der 26 Sekunden lange Clip, den ein Passant namens Abraham Zapruder mit seiner Schmalfilmkamera am 22. November 1963 von der Autokolonne machte, die John F. Kennedy durch Dallas fuhr – und dabei zufällig dessen Ermordung aufnahm.

          Ulf von Rauchhaupt

          Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Nummer 313 hält dabei den Treffer eines Projektils auf den Kopf des Präsidenten fest und die nachfolgenden Bilder zeigen, wie dieser Kopf zurückgeschleudert wird. Nun kamen aber zwei offizielle Untersuchungen zu dem Resultat, dass der Schuss Kennedy von hinten traf, abgefeuert aus dem sechsten Stock eines Verlagsgebäudes.

          Dort arbeitete der mutmaßliche Schütze Lee Harvey Oswald, und dort wurde auch die Tatwaffe gefunden, ein italienischer Carcano Militärkarabiner Kaliber 6,5 Millimeter aus dem Zweiten Weltkrieg sowie drei leere Patronenhülsen. Das passt zu drei Schüssen: einer, dessen Einschussstelle nie gefunden wurde, ein zweiter, der Kennedy schwer aber nicht tödlich in den Hals traf und sich danach durch den vor ihm sitzenden Gouverneur John Connally bohrte, und jener dritte, der Kopfschuss.

          Bruchstücke des Geschosses, das Kennedy in den Kopf traf. An Fragment CE 569 (es ist hier zweimal von unterschiedlichen Seiten abgebildet ) sind die Abdrücke der Felder des Gewehrlaufes zu erkennen. „gr.“ steht für die Gewichtseinheit „grain“, ein grain wiegt etwa 64,8 Milligramm.

          Doch zeigt nicht die Richtung, in die Kennedys Kopf dabei geschleudert wurde, dass dieser Schuss von vorne kam? Und damit, dass es einen weiteren Schützen gegeben haben muss, einen, der das Gelingen des Attentats sicherzustellen hatte, falls Oswald, ein Underdog mit kommunistischen Neigungen, danebenschießen sollte?

          Der sogenannte „Head Snap“ auf dem Zapruder-Film ist nicht das Einzige, was belegen soll, dass der beliebte Präsident keinem einzelnen Wirrkopf, sondern einer Verschwörung zum Opfer fiel, wahlweise der Mafia, der CIA, der Rüstungsindustrie oder des Vizepräsidenten Johnson. Vieles davon sind schlichte Fehlinformationen, etwa dass Oswald ein miserabler Schütze gewesen sei oder dass das Gewehr nichts getaugt habe, das Oswald sich im März 1963 für 19,95 Dollar (inklusive Zielfernrohr) bei einem Sportartikelversand bestellt hatte.

          Der vierte Schuss

          Ernster wurde das Knallgeräusch auf einer Tonaufzeichnung genommen, welches das Funkgerät eines Polizeimotorrades festgehalten haben soll. Das überzeugte sogar das Untersuchungskomitee des Repräsentantenhauses, das 1979 befand, Oswald habe zwar jene drei Schüsse aus seinem Gewehr abgefeuert, es müsse aber noch einen vierten Schuss und mithin eine Verschwörung gegeben haben.

          Zwei Fragmente – die nebenstehend abgebildeten Stücke Nummer CE 567 und CE 569 – hinterließen Spuren an der Windschutzscheibe und wurden vorne im Wagen gefunden, drei kleine Bleikrümel (gestrichelte Linien) dahinter. Zusammen machen sie 4,4 Gramm des etwas über 10 Gramm schweren Projektils aus. Der Rest muss über die Scheibe hinaus geflogen sein und wurde nie gefunden.

          Vor vier Wochen hat eine neuerliche Analyse der alten Polizeifunkbänder ergeben, auf was etwa der amerikanische Ballistiker Larry Sturdivan schon seit Jahren hinweist: Das Motorrad mit dem Mikrophon, das den angeblichen Schuss aufnahm, befand sich zur Tatzeit mehrere Meilen vom Ort des Attentats entfernt.

          „Magic Bullet“

          Besser informierte Verschwörungstheoretiker hielten sich allerdings schon immer lieber an das „Magic Bullet“, jenes Projektil, das laut offizieller Version aus Oswalds zweitem Schuss stammt, Kennedy und den Gouverneur traf und im Krankenhaus auf der Bahre des letzteren gefunden wurde. Dass dieses Geschoss bis auf die Laufabdrücke gänzlich undeformiert und somit verdächtig war, nachträglich in die Bahre gelegt worden zu sein – das ist auch ein Mythos, der schon lange als solcher entlarvt ist.

          Der angesehene Ballistiker Lucien (Luke) Haag von der Firma Forensic Science Services in Arizona hat Ende September auf der Jahrestagung der National Association of Forensic Scientists einmal alle verfügbaren Befunde zum Fall JFK zusammengetragen. Unter anderem zeigte er dabei Bilder des „Magic Bullet“, die klar eine Stauchung des Querschnitts erweisen. Das ist nun typisch für ein Langwaffengeschoss, das beim Durchschlagen eines Mediums mit den Eigenschaften von Körpergewebe eine Taumelbewegung ausführt – genau so, wie es die längliche Eintrittswunde im Rücken des Gouverneurs und die erheblichen Verletzungen in seiner Brust nahelegen.

          Aber kann dies dann dasselbe Projektil gewesen sein, das vorher Kennedys Hals so glatt durchschlagen hat? Durchaus, konnte Haag zusammen mit seinem Sohn Michael zeigen. „Das 6,5 mm Carcano Geschoss verlässt das Gewehr völlig stabilisiert“, sagt Luke Haag. „Denn durch seine zylindrische Form wird es in seiner gesamten Länge von den Zügen des Laufes erfasst.“ Solch ein Geschoss dringt daher 61 Zentimeter in ballistische Gelatine ein, ohne ins Taumeln zu geraten. Doch das ändert sich, sobald das Projektil das Medium verlässt und nun – nach Abbremsung in der Gelatine mit geringerer Geschwindigkeit – wieder durch die Luft fliegt. Nun wird es infolge des plötzlich abfallenden Staudrucks instabil.

          Der Schuss durch die Gelantine

          Das zeigten die Haags, indem sie mit einem 6,5 mm Carcano Gewehr durch 15 Zentimeter Gelatine schossen. Das entspricht etwa dem Abstand zwischen den Ein- und Austrittswunden am Nacken beziehungsweise am Hals Kennedys. Dabei verfolgten sie das Projektil mit einem Dopplerradar. Tatsächlich war es hinter der Gelatineschicht nicht nur langsamer, sondern trudelte auch durch die Luft – genau so, wie das Geschoss aus Oswalds zweitem Schuss, nachdem es Kennedys Hals verlassen hatte und bevor es Gouverneur Connally traf.

          Beide können also absolut von ein und demselben Projektil getroffen worden sein. Und da keine Hinweis auf einen weiteren Schuss existiert, weder ein Knall, noch eine Einschlagspur noch ein Munitionsteil, war es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit genau so.

          „Head Snap“

          Und was ist nun mit dem dritten Schuss und dem „Head Snap“? Dass er nicht von dem Aufprall eines Projektils rühren kann, lernt man im Physikunterricht unter dem Stichwort „Impulserhaltung“. Prallt ein bewegter Körper auf einen ruhenden, kann er diesen in merkliche Bewegung versetzen, wenn beide nicht allzu verschiedene Masse besitzen, wie etwa bei Billardkugeln – aber nicht wenn der eine ein zehn Gramm-Projektil ist und der andere ein ausgewachsener Mensch. Dass von Schüssen getroffene Personen dadurch umgeworfen oder gar durch die Luft geschleudert werden, das gibt es nur im Kino.

          Um zu demonstrieren, was den „Head Snap“ stattdessen verursachte, haben Vater und Sohn Haag ebenfalls Versuche angestellt. Dabei simulierten sie den Kopf des unglücklichen Präsidenten durch eine mit Klebeband eingewickelte Wassermelone. Das Ergebnis des Beschusses eines solchen Ziels ist nebenstehend gezeigt: Die Melone fliegt in die Richtung, aus der auf sie geschossen wurde. Grund ist der Rückstoß der Trümmer der an der Austrittsstelle berstenden Melone.

          Die Radarmessungen zeigten auch, dass das Geschoss in einem solchen Ziel fragmentiert. Und wie die Funde von Geschossresten in der Präsidenten-Limousine belegen (siehe Abbildungen oben), ist genau das auch bei dem dritten und entscheidenden Schuss des vielleicht folgenreichsten Attentat seit 1914 passiert. Es ist das Grauen auf Abraham Zapruders Einzelbild Nummer 313.

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