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Soziale Systeme : Über alle Schichten hinweg

  • -Aktualisiert am

Diese Art von Ungleichheit will niemand - andere Arten aber vielleicht doch. Bild: Daniel Pilar

Nicht alle Ungleichheiten in einer Gesellschaft sind gesellschaftliche Ungleichheiten. Das macht deren Erforschung nicht eben einfacher.

          Was macht eigentlich eine Ungleichheit von Menschen zu einer sozialen Ungleichheit? Vielleicht, dass sie sich dazu nicht frei entscheiden konnten. Gesellschaft wäre dann das, was einem selbst und vielen anderen regelmäßig zustößt, und dass es sozialen Wandel gibt, hieße nur, dass uns heute anderes zustößt als etwa der Generation unserer Eltern. Die Art der Ungleichheit wandele sich, nicht aber notwendig ihr Ausmaß.

          Es sei denn, es ändere sich grundsätzlich etwas am Verhältnis von Individuum und Gesellschaft. Etwa in dem Sinne, dass das Typische und Häufige zurückgeht zugunsten des Besonderen und Unregelmäßigen. Angenommen, diese Art von Wandel fände tatsächlich statt: Dann nähme in dieser Gesellschaft die soziale Ungleichheit zwangsläufig zu. Gibt es dafür Hinweise in der aktuellen Sozialforschung?

          Schichtspezifisch sporteln

          Antworten darauf kann man im jüngsten Heft der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie finden, das der sozialen Ungleichheit breiten Raum gibt. Etwa im Freizeitsport. Dass das Einkommen und damit der soziale Status weniger von persönlichen Präferenzen als von Herkunft, Schulerfolg und Erwerbsbiographie abhängt, mag jedem einleuchten. Aber auch der Sport als Freizeitaktivität?

          Ja, auch der Sport, so zeigen die Befunde der Studie von Tanja Rohrer und Max Haller, hat sich nicht individualisiert oder pluralisiert, sondern ist weiterhin stark schichtspezifisch geprägt. Und das liegt nicht daran, dass Golf oder Reiten Oberschichtsübungen darstellen oder untere Sozialschichten zum Mannschaftssport neigen, während die Bessergestellten allein laufen. Vielmehr gelte ganz grundsätzlich: Je höher die Bildung, desto mehr wird Sport getrieben. Gewiss, ältere Menschen und Frauen sind heute sportlich aktiver als früher. Aber sonst bewegt sich in der schicht- und herkunftsabhängigen Welt des Sports wenig: Die ältere Muslima mit Migrationshintergrund geht eben kaum zum Yoga.

          Ist der Migrant vielleicht sogar gerne im Migrantenviertel?

          Dieser Migrationshintergrund steht im Zentrum der Untersuchung von Janna Teltemann, Simon Dabrowski und Michael Windzio zur Wahl von Wohnbezirken in deutschen Großstädten. Beruht die feststellbare „residenzielle Segregation“ von Ausländern auf einer freiwilligen Entscheidung, weil man einfach gerne unter seinesgleichen lebt? Oder bleibt ihnen gar keine Wahl?

          Die Autoren stellen anhand einiger deutscher Großstädte fest, dass der Migrationshintergrund ein entscheidendes Motiv bei der Wahl des Wohnviertels ist. Bemerkenswert ist dabei der Befund, dass es sich tatsächlich um eine echte ethnische Segregation zu handeln scheint – und nicht etwa eine, die sich beispielsweise aus Ähnlichkeiten in der wirtschaftlichen Lage von Einwandererfamilien ergibt. Aus methodischen Gründen kann die Studie allerdings die Frage nach der Freiwilligkeit dieser Abgrenzung nicht klar beantworten. Es bleibt also offen, ob diese Ungleichheit eine soziale ist.

          Das Bindungsproblem ist klassenlos

          Auch die Studie von Jan Eckhard zu den Bindungsquoten in Deutschland ist mit einer methodischen Schwierigkeit belastet. Dahinter steckt aber mehr ein Definitionsproblem. Wer soziologisch nach Partnerschaften fragt, impliziert eine gewisse Verbindlichkeit der Verbindung, die sich in ihrer Dauer niederschlagen sollte. Geht man mit einer solchen Definition an das Thema heran, muss man feststellen, dass die Zahl der Paarbeziehungen in Deutschland insgesamt abnimmt. Gibt es also immer mehr Singles?

          Nein, Bindungen werden trotzdem noch eingegangen, aber es sind kürzere, unverbindlichere. Eckhard betont, dass Bindungsbereitschaft weiterhin bestehe, aber paradoxerweise auf Kosten stabiler, langer und insofern verbindlicher Beziehungen. Er greift dazu auf jüngere Umfragen zu, die auch Beziehungen von nur wenigen Monaten erfassten.

          Damit kann Eckhard die auf Daten aus den 80er Jahren beruhende und in der Forschung bisher gültige These widerlegen, dass es für die Annahme eines Rückgangs der Partnerbindung keine empirischen Evidenzen gibt. Doch, die gibt es. Der Trend, den der Autor vielleicht nicht zu Unrecht historisch nennt, setzt schon mit den Geburtskohorten der 50er Jahre ein. Das Erstaunliche an diesem Rückgang ist aber, dass er eigentlich „sozial gleich“ ist: Zunehmende Partnerlosigkeit macht sich überall bemerkbar, sie zeigt sich geschlechts- wie bildungsunabhängig und gilt schichtübergreifend. Ist das also endlich einmal ein Phänomen, das sich um soziale Ungleichheiten nicht zu kümmern scheint? Die Konsequenzen für die Gesellschaftstheorie wären gravierend.

          Eine gängige These etwa besagt, dass gutausgebildete Frauen heute keine langfristigen Bindungen mehr brauchen, weil der Versorgungsaspekt der Ehe für sie nicht mehr wichtig ist. Junge Männer in Ostdeutschland dagegen suchen immer noch Bindungen, finden aber aufgrund der starken Abwanderung von jungen Frauen aus dem Osten keine Partnerinnen mehr. Die Gründe sind verschieden, der Effekt – Bindungslosigkeit – ist der gleiche. Deutet sich hier ein neuer Typ von Gesellschaft an?

          Literatur

          T. Rohrer, M. Haller: Sport und soziale Ungleichheit – Neue Befunde aus dem internationalen Vergleich, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie (KZfSS) 67 (2015), 57-82. J. Teltemann, S. Dabrowski, M. Windzio: Räumliche Segregation von Familien mit Migrationshintergrund in deutschen Großstädten: Wie stark wirkt der sozioökonomische Status?, in: KZfSS 67, 83-103. J. Eckhard: Abnehmende Bindungsquoten in Deutschland: Ausmaß und Bedeutung eines historischen Trends, in: KZfSS 67, 27-55.

           

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