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Partnerwahl bei Finken : Der Schnabel muss passen

  • -Aktualisiert am

Der Schnabel ist nicht nur zur Nahrungsaufnahme wichtig Bild: ddp

Forscher haben herausgefunden, dass viele Finken entweder besonders große oder sehr kleine Schnäbel besitzen. Das ist nicht nur für die Futteraufnahme wichtig. Die Weibchen sind wählerisch bei der Partnerwahl und achten daher sehr auf Form und Größe des Schnabels.

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          Darwinfinken gelten als Paradebeispiel für die Entstehung von Arten. Vermutlich stammen alle dreizehn Finkenarten, die heutzutage die Galapagos-Inseln bevölkern, von einigen wenigen Vögeln ab, die es vor langer Zeit auf diese abgelegene Inselgruppe verschlagen hat. Als Charles Darwin Belege für seine Evolutionstheorie sammelte, spielten die nach ihm benannten Finken allerdings keine bedeutende Rolle. Zu klein war die Auswahl, die er nach England mitgebracht hatte. Denn Darwinfinken - je nach Art und Geschlecht unscheinbar bräunlich oder schwarz gefiedert - wirken auf den ersten Blick weit weniger interessant als Meerechsen und Riesenschildkröten.

          Erst mehr als hundert Jahre nach Darwin stellte sich heraus, dass sich die Mechanismen der Evolution gerade an diesen unspektakulären Bewohnern der Galapagos-Inseln besonders gut studieren lassen. Bei ihnen kann sogar trotz fehlender räumlicher Barrieren die Entwicklung neuer Arten beginnen. Das haben kürzlich Sarah Huber und Jeffrey Podos von der University of Massachusetts in Amherst beobachtet. Gemeinsam mit Wissenschaftlern der McGill University in Montreal und des Smithsonian Tropical Research Institute in Balboa (Panama) widmeten sie sich einer Population des Mittleren Grundfinks - Geospiza fortis - auf der Insel Santa Cruz.

          Auf Form und Größe des Schnabels kommt es an

          Wie ihr Name verrät, tummeln sich die Grundfinken mit Vorliebe am Boden. Dort picken sie hier und da Insekten auf, hauptsächlich aber diverse Pflanzensamen. Welche Sämereien ihnen am meisten zusagen, hängt vor allem von Form und Größe des Schnabels ab. Zierliche Schnäbel taugen am besten für kleine, weiche Samenkörner. Vögel mit dicken, breiten Schnäbeln kommen damit weniger gut zurecht, können aber große, hartschalige Samen mühelos knacken. Die untersuchte Finkenpopulation zeichnet sich dadurch aus, dass zahlreiche Tiere einen auffallend großen Schnabel besitzen.

          Noch häufiger sind Vögel mit auffallend kleinem Schnabel. Das Mittelfeld macht sich dagegen erstaunlich rar, und die Finkenweibchen sorgen offenbar dafür, dass sich an dieser merkwürdig zweigipfeligen Größenverteilung nichts ändert. Als Partner bevorzugen sie nämlich Männchen, deren Schnabel ähnlich dimensioniert ist wie ihr eigener (“Proceedings of the Royal Society“, Teil B, Bd. 274, S. 1709). Dank dieser Vorliebe bleiben Vögel mit großem Schnabel und solche mit kleinem Schnabel jeweils weitgehend unter sich.

          Schlechtere Überlebenschancen als Artgenossen

          Dass die Mittleren Grundfinken im Osten von Santa Cruz auf dem besten Weg sind, sich in zwei Arten aufzuspalten, bestätigen molekulargenetische Untersuchungen. Als die Forscher rund zweihundert Finken eine Blutprobe abnahmen und die darin enthaltene Erbsubstanz analysierten, fanden sie deutliche Unterschiede zwischen klein- und großschnäbeligen Vögeln. Ob sich diese genetische Kluft künftig noch vertiefen wird, bleibt abzuwarten. Derzeit scheint diese Entwicklung zwar absehbar, denn Vögel mit mittelgroßen Schnäbeln haben merklich schlechtere Überlebenschancen als Artgenossen mit stark abweichender Schnabelgröße.

          Falls sich die Umweltbedingungen aber eines Tages zugunsten der goldenen Mitte änderten, würden sich die auseinanderstrebenden Teilpopulationen wohl über kurz oder lang wieder vereinen. Welch prägenden Einfluss ein verändertes Nahrungsangebot ausüben kann, zeigte ein langjähriges Forschungsprojekt auf der Galapagos-Insel Daphne Major. Nach einer ausgedehnten Dürreperiode waren dort nur noch ausgesprochen harte Samen aufzutreiben - eine Nahrungsquelle, für die Vögel mit großen Schnäbeln am besten gerüstet sind.

          Weiche Samen in Hülle und Fülle nach dem Regen

          Kein Wunder, dass sich bei den Mittleren Grundfinken eine entsprechende natürliche Auslese vollzog: Die Schnäbel der überlebenden Finken waren im Durchschnitt einen halben Millimeter größer als die Schnäbel ihrer verhungerten Artgenossen. Zwei Jahre später, nach ausgiebigen Regenfällen, gab es kleine, weiche Samen wieder in Hülle und Fülle. Da sich ein überdimensionierter Schnabel nun als Handikap erwies, nahm die durchschnittliche Schnabelgröße allmählich wieder ab. Welche Rahmenbedingungen im Osten von Santa Cruz zu einer zweigipfeligen Größenverteilung führten, ist noch nicht geklärt. Die Wissenschaftler hegen den Verdacht, dass dabei mehr als eine Art von Darwinfinken im Spiel war.

          Wenn der Mittlere Grundfink seinen Lebensraum mit dem Kleinen Grundfink (Geospiza fuliginosa) und dem Großen Grundfink (Geospiza mangirostris) teilt, nimmt er es mit der Abgrenzung gegenüber diesen Verwandten nämlich nicht immer so ganz genau. Dass Arten auf diese Weise langfristig miteinander verschmelzen können, steht außer Zweifel. Da gelegentliche Mesalliancen die genetische Vielfalt erhöhen, könnten sie aber auch die Aufspaltung einer Art begünstigen. Womöglich liefern die Darwinfinken einen ersten Hinweis darauf.

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