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Evolution aus der Vogelperspektive : Die weise Taube

Eine weiße Taube wird auf den kognitiven Test in der „Problembox” vorbereitet Bild:

Aus der Vogelperspektive ist die Evolution anders verlaufen. Die kleinen Gehirne der Federtiere sind zu viel größeren Leistungen fähig, als Darwin annahm. Eine Gruppe von Forschern der Bochumer Ruhr-Universität will nun die Gedanken der Tauben lesen.

          „Nicht eintreten. Versuch läuft“. Die hell leuchtenden Warnschilder neben den schon leicht verschrammten Türen sind nicht zu übersehen. Es ist leer hier im Zwischenflur, dunkel und totenstill. Jedenfalls solange die Türen mit der Aufschrift „Skinner Box Room“ geschlossen bleiben. Wer schon einmal das ferne Forscherdorf Seewiesen genießen durfte, das sich Konrad Lorenz, der „Vater der Graugänse“, vor fünfzig Jahren am grünen Ufer des Eßsees in Südbayern errichten ließ und wo bis heute große Vogelforschergruppen logieren, der muss sich hier im untersten Geschoss des Südflügels in der Bochumer Ruhr-Universität zwangsläufig eingesperrt fühlen.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Die Gedanken der Tauben lesen

          Es ist längst Mittagszeit. An eine geregelte Pause denkt hier trotzdem niemand. Draußen vor der Betonburg rubbeln Stadtreiniger wie wild das bisschen Moos, das sich auf der Zufahrt angesiedelt hat, mit einer Schaumlösung vom Pflaster. Und drinnen, hinter den Tunnelgängen mit den vielen Zwischenfluren, in denen die „Biopsychologie“ zu Hause ist, schaut man in abgedunkelten Räumen den Haustauben ins Gehirn. Buchstäblich.

          „How to read a pigeon's mind“ - wie man die Gedanken der Taube liest. So hat Lars Dittrich sein gerade erst fertiggestelltes wissenschaftliches Plakat betitelt, das an der Wand einer der Versuchskammern hängt. Ein gewagter Satz. Hohe Ansprüche für einen Nachwuchsforscher.

          Wissenschaftler sind normalerweise nicht mit forschen Sprüchen zu überzeugen. Doch das hier ist kein hohler Spruch, wie sich bald zeigen wird. Denn hier, wo man zwar die Vögel liebt und ihre Fähigkeiten schätzt, wo aber Naturparadiese, wie sie Lorenz für seine Vogelforschung brauchte, auf ein Süßwasseraquarium im Flur und auf bunte Wandbilder in den Büros begrenzt bleiben, hier wurden wirklich schon Sensationen des Denkens erzeugt. Viele davon sind in den wichtigsten Wissenschaftsjournalen der Welt nachzulesen.

          Der große Wurf des Darwin

          Das Wichtigste aber ist auch nach Jahren harter, sorgfältiger Experimentalarbeit draußen nicht angekommen. „Die Vögel sind unsere Brüder und Schwestern. Sie sind in ihren kognitiven Leistungen ähnlich erfolgreich wie wir Primaten, auch wenn sie das mit einem völlig anders entwickelten Gehirn erreichen.“

          Onur Güntürkün, von dem diese Sätze stammen, ist der Leiter der Bochumer Biopsychologie. Fünzig Jahre alt, Rollstuhlfahrer, geboren in Izmir, aufgewachsen in Süddeutschland und der Türkei, später Psychologie-Student in Bochum, danach glänzende Wissenschaftlerkarriere mit Auslandsaufenthalten und ausgestattet mit einem Formulierungstalent, wie man es bei Naturforschern seines Schlages heute meistens vermisst. Rhetorisch geschickt wie Konrad Lorenz, den Güntürkün als „historische Figur“ bezeichnet. Nicht mehr und nicht weniger.

          Charles Darwin dagegen, und damit ist Güntürkün bei einem seiner Lieblingsthemen, sei einer der wenigen in der Biologie, dem ein ganz großer Wurf gelungen ist. „Seine Evolutionstheorie hat Myriaden von Tests überstanden.“ In einem entscheidenden Punkt freilich musste Darwins Werk korrigiert werden. Oder jedenfalls das, was daraus gemacht wurde.

          Falsche Interpretation hielt sich hartnäckig

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