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Dietmar Daths „Die Abschaffung der Arten“ : Ein neuer Himmel auf einer neuen Erde

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Löwe und Luchs an der Spitze einer Hierarchie, die es nicht mehr geben soll Bild:

Große Erzählungen von Liebe und Tod: Dietmar Daths Roman „Die Abschaffung der Arten“ kämpft mit Darwin, Marx und Lenin um das gute Überleben. Die Menschheit hat abgedankt, hybride Lebewesen lenken die Geschicke der Welt, die keine Herren und Knechte mehr kennen soll.

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          Am Anfang und am Ende steht Darwin – in Dietmar Daths sozialpolitischer Streitschrift „Maschinenwinter“, erschienen im Frühjahr dieses Jahres, geschrieben parallel zu dem Roman „Die Abschaffung der Arten“. Eine befreundete Biologin erklärt dem in ungelöste Probleme der Physik verstrickten Autor gleich auf der ersten Seite, was die Theorie Darwins zu leisten vermag. Sie sei eine „Theorie fürs Ganze“. Denn: „Alles, was in der Wirklichkeit über längere Zeitspannen hin stattfindet, belehrt sie mich, lässt sich erklären, wenn man weiß, wie Vervielfältigung, Variation und Auslese ineinandergreifen.“

          Die Freundin ist Sozialistin. Ist das mit dem Glauben an Konzepte der Evolutionsbiologie vereinbar? Der skeptische Autor stellt ihr auf den letzten Seiten die Frage, inwieweit sich ihr darwinistisches Modell von den Berufungen „rechter Soziobiologen“ auf den „Kampf ums Dasein“ unterscheide. Die Frage ist symptomatisch – für Daths Streitschrift, für seinen neuen Roman und überhaupt für die in der sozial- und kulturwissenschaftlichen wie in der politischen und literarischen Intelligenz lange Zeit dominierenden Aversionen gegenüber Darwin und der Biologie.

          Gegen Herrschaft und Knechtschaft

          Dafür gibt es viele gute Gründe. Denn was mit Behauptungen über die angebliche Natur des Menschen und mit evolutionsbiologischen Vorstellungen über Prinzipien natürlicher Auslese an sozialpolitischen Ansichten und Praktiken im Umgang mit „starken“ und „schwachen“ Menschen gerechtfertigt wurde, hatte im zwanzigsten Jahrhundert mörderische Konsequenzen. Noch heute generiert es oft haarsträubende Ansichten. Die Attribute „darwinistisch“ und „biologistisch“ im Vokabular alter Ideologiekritik mögen inzwischen abgenutzt erscheinen, die mit ihnen bezeichneten Phänomene haben sich jedoch nicht erledigt.

          Literatur als hochexplosives Experiment: Dietmar Dath
          Literatur als hochexplosives Experiment: Dietmar Dath : Bild: Frank Röth

          Dietmar Dath weiß das. Doch er ist ein Spieler, ein so eigensinniger wie flexibler Gedankenexperimentator, der keine Berührungsängste auch vor fragwürdigsten Ideen kennt, die zu prüfen sich aber vielleicht lohnt. Lohnt wofür? Es geht um nichts Geringeres als um die Beseitigung von Herrschaft und Knechtschaft.

          Die Menschheit, ein gescheitertes Experiment

          In „Maschinenwinter“, einem Appell, das humane Befreiungspotenzial der Technik neu zu entdecken, statt sich von ihr beherrschen zu lassen, ist „abschaffen“ eine wiederkehrende Vokabel. Der Titel „Die Abschaffung der Arten“ macht sie zum Programm. Fast gänzlich abgeschafft ist in der neuen Welt, über die der Roman erzählt, die Gattung Mensch. Sie gilt als „gescheitertes Experiment“ der Naturgeschichte. Bedauert wird da nichts. Die Welt ist von der Herrschaft der Menschen befreit, sie gehört den Tieren, genauer: den „Gente“, hochintelligenten und auch gentechnologisch versierten Lebewesen in tierähnlichen Gestalten. Sie gehen mit den wenigen Menschen, die den Untergang der Gattung überlebt haben, ähnlich um wie zuvor die Menschen mit den Tieren. Sie benutzen ihre Häute zum Beschreiben, machen sie zu Objekten ihrer wissenschaftlichen Experimente oder erniedrigen sie in anderen perversen Formen.

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