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Die Anfänge des Sozialdarwinismus : Die Antiquiertheit des Menschen

Fortschritt ist für den Sozialdarwinisten eine Sache der Krieger, Diebe und Mörder Bild: Archiv

Der englische Journalist Walter Bagehot war der Erste, der die Übertragung von Darwins Evolutionstheorie auf die Sozialwissenschaft versuchte. Um den Fortschritt der Gattung zu gewährleisten, musste er über Leichen gehen.

          3 Min.

          Das erste Buch, das sich im Titel als sozialdarwinistisch ausweist, nämlich die Anwendung des Darwinschen Schlüsselbegriffes auf die Sozialwissenschaft ankündigt, hat der englische Journalist Walter Bagehot geschrieben. „Physics and Politics, or: Thoughts on the Application of the Principles of ,Natural Selection' and ,Inheritance' to Political Society“ erschien 1872 und ging auf eine Aufsatzserie in der „Fortnightly Review“ zurück, die Darwin gelesen und empfohlen hatte. Allerdings nimmt Bagehot die Übertragung der evolutionstheoretischen Kategorien nicht schulmäßig vor; er bietet noch nicht einmal eine Definition der natürlichen Auslese. Von einem Imprimatur Darwins für die einzelnen von Bagehot entwickelten Ansichten kann nicht die Rede sein.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Bagehot erörtert im letzten Kapitel, ob der Fortschritt eine Tatsache im wissenschaftlichen Sinne sei. Lässt er sich verifizieren? Der Leser soll die Frage anhand eines Beispiels entscheiden. „Erwägen wir, worin ein Dorf englischer Kolonisten einem Stamm australischer Eingeborener überlegen ist, die in der Umgebung des Dorfes umherschweifen. Unzweifelhaft sind die Engländer in einer, und zwar der hauptsächlichen, Hinsicht überlegen. Sie können die Australier im Krieg schlagen, wann immer es ihnen gefällt; sie können ihnen alles wegnehmen, was ihnen gefällt, und sie können jeden von ihnen töten, den sie auswählen.“

          Die im Dorf der Engländer konzentrierten materiellen Annehmlichkeiten, die den volkstümlichen Begriff der Zivilisation ausmachen, und den Vergleich der intellektuellen Fähigkeiten erwähnt Bagehot unter ausdrücklicher Ausklammerung von Moral und Religion erst in zweiter Hinsicht. Diese Unterschiede dienen dazu, den entscheidenden Unterschied zu erklären, die Fähigkeit zur Ausrottung. Das zivilisatorische Selbstverständnis, das der englische Schriftsteller artikuliert, könnte sachlicher nicht sein: Fortschritt, das ist der nachhaltige Erfolg von Kriegern, Dieben und Mördern.

          Kultiviertheit vererbt sich

          Die Geschichte der menschlichen Gesellschaften schildert Bagehot als unaufhörlichen Völkerkrieg, in dem die Besseren überleben. Die Begriffe des Untertitels bleiben schon deshalb undefiniert, weil Bagehot die Vereinbarkeit der Lehren Darwins und Lamarcks voraussetzen möchte. Er nimmt an, dass die Sieger im Kampf ums Dasein ihre gesamte psychophysische Ausstattung den Nachkommen vererben. Diese Herrenvolkstheorie hat eine innergesellschaftliche Seite. Als widerlegt stellt Bagehot die Lehre hin, dass jeder Mensch mit demselben moralischen Vermögen geboren werde. „Wir müssen nicht zu den Wilden gehen, um diese Lektion zu lernen; wir brauchen nur mit den englischen Armen zu reden oder mit unseren eigenen Dienstboten, und wir werden sie vollständig begreifen.“

          Unter Verweis auf physiologische Fachliteratur trifft Bagehot die bildungspolitisch erhebliche Aussage, es gebe eine nachgewiesene, im Laufe der Generationen zunehmende Tendenz, wonach „die Nachkommen kultivierter Eltern durch angeborene Nervenorganisation eine größere Anlage zur Kultivierung haben als die Nachkommen der Unkultivierten“. Allerdings haben die Kultivierten auch weniger Nachkommen, wie Bagehot mit einem ausführlichen Zitat von Herbert Spencers Kalkulation der „Kosten der Individuierung“ unter den Bedingungen zunehmender Komplexität der sozialen Organisation zeigt. Der bis heute zur sozialbiologischen Panikmache eingesetzten Hypothese gewinnt Bagehot eine optimistische Aussicht ab. Die Lösung des Problems der Schere von Population und Nahrung, dessen Diagnose durch Thomas Malthus Darwin inspiriert hatte, scheint denkbar.

          Sehnsucht nach dem dunklen Reich

          Bagehot erklärt allerdings nicht, wieso die von ihm angenommenen Gesetze der Vererbung die Intellektualisierung der Volksmassen zulassen sollten. Zwar ist die Vererbung für Bagehots Theorie des sozialen Wandels bei näherem Hinsehen gar nicht so wichtig, wie der Titel glauben lässt; viel wichtiger ist die Nachahmung, die sowohl die Macht der Gewohnheit als auch deren Durchbrechung erklärt - der aus heiterem Himmel auftretende Mensch neuen Typs, der ein Verhaltensmuster prägt, ist Bagehots Variante der zufälligen Mutation. Aber die Vorstellung vom Geburtenrückgang des Kulturvolkes, vom Verschwinden des Menschen in der fortschrittlichsten Weltgegend, bereitet ihm offenkundig ein ästhetisches Vergnügen.

          Seine unterschwellige Bewertung des so nüchtern geschilderten Prozesses der zerstörerischen Verbreitung der Kultur ist zweideutig. Den militärischen Denkhabitus hält er für kontraproduktiv, weil er die Disziplin übertreibe. „Die Militärmoral kann die Axt anweisen, den Baum zu fällen, aber sie weiß nichts von der stillen Gewalt, die den Wald wachsen lässt.“ Das Urteil gilt unter den Prämissen des Daseinskampfes, der in moderner Zeit eben mehr als Disziplin verlangt. Aber das suggestive Bild, das charakteristisch ist für diesen von gebändigten Leidenschaften getriebenen Essayisten, spricht von der Sehnsucht nach dem kühlen, dunklen Reich der aus eigener Kraft gedeihenden Natur.

          Eine Antiquität im Auge der Wissenschaft

          Die Furcht vor dem „Atavismus“, dem Ausbruch der Wildheit, treibt Bagehot um, und die mit umständlichen Spekulationen um eine Vorgeschichte verlängerte Geschichte des kontinuierlichen vererbbaren martialischen Fortschritts kippt um in eine Anthropologie, der die gesamte Vergangenheit der Gattung in unheimlicher Weise gegenwärtig ist.

          Als Beitrag zur Sozialwissenschaft ist Bagehots Buch widersprüchlich. Seinen Rang hat es, weil es den Moment der Geschichte der Wissenschaft vom Menschen bezeichnet, den Darwin bedeutet. Früher hätten Antiquare sich über Münzen und Druidensteine gebeugt. „Aber was mich beschäftigt, ist, dass der Mensch selbst im Auge der Wissenschaft ,eine Antiquität' geworden ist.“

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