https://www.faz.net/-gbj-11bk5

Darwin-Jahr 2009 : Jim Knopf rettet die Evolutionstheorie

  • -Aktualisiert am

Michael Endes Jim Knopf kann als Gegenschichte zur nationalsozialistischen Pervertierung von Darwins Theorie gelesen werden Bild: Thienemann Verlag

Michael Endes „Jim Knopf“ ist mehr als nur ein Kinderbuch. Nicht nur weil dem Titelhelden Jemmy Button Pate stand, der mit Charles Darwin von den Galápagos-Inseln zurückkehrte. Wer Endes Buch genauer liest, sieht darin gar eine Gegengeschichte zur nationalsozialistischen Vereinnahmung der Evolutionstheorie. Eine Neuinterpretation von Julia Voss.

          Beginnen wir diese Geschichte aus englischer Sicht: Im Jahr 1963 erschien in England ein Kinderbuch, das aus dem Deutschen übersetzt worden war, auf jedes englische Kind aber wirken musste, als sei es für es selbst geschrieben worden, als ob es von seiner Heimat handelte. Die Erzählung mit dem Titel „Jim Button and Luke the Engine Driver“ nimmt ihren Anfang auf einer Insel, die „so groß wie dein Wohnzimmer ist“, wie es auf der ersten Seite heißt, der Rest klingt nach einem englischen Geschichtsbuch.

          Auf der Insel gibt es eine Eisenbahnstrecke, die von einer einzelnen Dampflok befahren wird, als ob wir immer noch 1825 schrieben und George Stephenson gerade die Pionierstrecke der Stockton & Darlington Railway Company in Betrieb genommen hätte. Es gibt einen Kaufmannsladen, die Besitzerin heißt Frau Waas, und ihre Waren werden wöchentlich aus der ganzen Welt angeliefert wie im England der Kolonialzeit. Ein Postschiff legt außerdem regelmäßig an, es waren die Engländer, die 1841 die Royal Mail Steam Packet Company gründeten und zuerst einen Liniendienst von London nach Westindien unterhielten. Regiert wird die Insel von einem König, der schottisch karierte Pantoffeln trägt, in der Zeit, die wir das frühe Industriezeitalter nennen, herrschte King William IV über England.

          Der Staat, dem der König in dem Kinderbuch vorsteht, hat nur drei Untertanen: Lukas, den Lokomotivführer, Frau Waas, die einen Kaufmannsladen betreibt, und Herrn Ärmel, der mit Regenschirm und Melone den prototypischen Engländer vorstellt und noch dazu nach dem Kanal heißt, der England vom Kontinent trennt, dem Ärmelkanal. Die Untertanen von König Alfons dem Viertel-vor-Zwölften sind die Mikrogesellschaft des neunzehnten Jahrhunderts: Bürger, Kaufleute und Arbeiter.

          Eine Modellinsel wie aus dem englischen Geschichtsbuch

          Darwins Mitreisender

          Die englische Übersetzung hätte zu einem Zusammenprall führen können, einem historischen Datum, an dem Jim Button seinen Namensvetter trifft und damit zwei Erzählungen zusammenfinden, die eigentlich zusammengehören. Die eine kennen wir: Es ist die Geschichte von „Jim Knopf und Lukas dem Lokomotivführer“, die der deutsche Schriftsteller Michael Ende in einem der populärsten Kinderbücher der Nachkriegsgeschichte erzählte und die nicht zufällig mit einer Insel namens Lummerland beginnt, das bis in die Details dem historischen England gleicht.

          Die andere Geschichte aber stammt aus dem industriellen England des neunzehnten Jahrhunderts, als das Land wirklich von König William IV regiert wurde, und an dessen Küsten eines Tages ein Schiff im Hafen anlegte, zurückgekehrt von einer weiten Reise und beladen mit Nachrichten von fernen Kontinenten. An Bord befand sich ein farbiger Junge, der, wie ein Findling ohne Wurzeln und Herkunft, in einer neuen Welt die Augen aufschlägt. Sein Name: Jemmy Button. Zwei Jahre musste dieses Kind auf der Insel aushalten. Dann reiste es zurück in das Land seiner Herkunft.

          Einem Mitreisenden verdanken wir eine Charakteristik des Kindes: „Jemmy Button war der Liebling aller, aber ebenfalls leidenschaftlich; sein Gesichtsausdruck zeigte sogleich sein freundliches Gemüt. Er war fröhlich, lachte oft und war bemerkenswert mitfühlend mit allen, die Schmerzen litten.“ Der Mitreisende, der dies schrieb, war Charles Darwin. Das Schiff, auf dem es sich zutrug, war die HMS Beagle. Das Buch, dem wir diese Zeilen entnehmen, heißt „Die Fahrt der Beagle“, die erste Publikation des Naturforschers, dessen Theorie eine Wissenschaftsrevolution auslösen sollte und die wir heute die Evolutionstheorie nennen.

          Weitere Themen

          In der Menge liegt die Wahrheit Video-Seite öffnen

          Vererbungslehre : In der Menge liegt die Wahrheit

          Wie Vererbung geht, lernt man bereits in der Schule. Aber so einfach wie bei Erbsen ist das nur in Ausnahmefällen. Die quantitative Genetik hat in jüngster Zeit Erkenntnisse gewonnen, die alles auf den Kopf stellen. Das wird schon bald praktische Konsequenzen haben.

          Topmeldungen

          Wirft hin: Patrick Shanahan wird nicht amerikanischer Verteidigungsminister.

          Rückzug von Shanahan : Keine Ruhe im Pentagon

          Mitten in der Iran-Krise verliert Donald Trump seinen amtierenden Verteidigungsminister. Der Wunschkandidat des Präsidenten hat sich zurückgezogen – wegen eines „traumatischen Kapitels“ in seinem Familienleben.
          Der 22 Jahre alte Ali B. dementiert weiterhin die Vergewaltigung von Susanna F.

          Psychiaterin über Ali B. : Egozentrisch, manipulativ, empathielos

          Im Prozess um die getötete Schülerin Susanna F. aus Mainz berichtet wenige Wochen vor dem Urteilstermin die psychiatrische Gutachterin. Den angeklagten Ali B. beschreibt sie als faulen und frauenverachtenden Mann, der in seinem Leben immer nur an sich selbst gedacht habe.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.