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Darwin-Jahr 2009 : Jim Knopf rettet die Evolutionstheorie

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Mit sechzehn sah er den Film „Bei Nacht und Nebel“ von Alain Resnais, in dem Kameraaufnahmen der Alliierten aus den Konzentrationslagern mit Einspielungen aus der Wochenschau zusammengeschnitten werden und der bei der Vorführung in Cannes zum Protest der Bundesregierung führt. Mit siebzehn hört er die Matthäus-Passion und fragt sich, ob Kunst jemals die Bilder aus den Konzentrationslagern bewältigen könne. Die Frage wird ihn sein Leben lang begleiten, er beantwortet sie später, wenn auch zögerlich, bejahend. „Wenn Sie aus einem guten Konzert kommen, meine Damen und Herren, dann sind Sie nicht klüger geworden“, heißt es in einem in Tokio gehaltenen Vortrag, „aber Sie haben etwas erlebt, das Ihre Ganzheit wiederhergestellt hat, etwas in Ihnen ist heil geworden.“ Wahre Kunst, Literatur wie Musik, mache den Menschen heil, „sie heilen ihn“.

Dem Drachenlehrer ausgeliefert

Zuerst aber müssen Jim und Lukas ins Herz der Finsternis vordringen, einer aus Steinblöcken gebauten Hochhausstadt, mit Straßen, die schwarzen Schluchten gleichen, gefüllt von „Rauch- und Gasschwaden“. Der Himmel schrumpft zu einem Flecken zusammen. Frau Mahlzahns Schule weist ein Türschild mit einem Totenkopf als Türklopfer aus. Dahinter sitzen die gefangenen Kinder, die keine andere Welt mehr haben als die, die ihnen der Drache gibt.

„Wie viel ist drei und vier?“, fragt der Drache lauernd im einundzwanzigsten Kapitel. „Sieben“, antwortet Lisi, die entführte Prinzessin aus Mandala. „Und wenn ich dir sage, dass es achchcht ist?“ faucht der Drache.

Mythischer Gegenzauber

In diesen Moment brechen Jim und Lukas als Zeugen ein. Wie in einem Film, der plötzlich rückwärts abgespult wird, löst sich Kummerland Bild für Bild auf: Die Kinder werden befreit, die Mischwesen siegen, Wasser- und Feuerwesen versöhnen sich, ein schwarzer Junge erhält die Prinzessin und das Königreich, Jimballa steigt aus dem Wasser. Dem feuerspeienden Drachen, der in jeder deutschen Heldensage mit dem Tod bestraft worden wäre, wird das Leben geschenkt. Man bringt ihn nach Mandala, wo Ende ihn in eine andere Art verwandelt: der germanische Drache wird zum chinesischen Drachen der Weisheit, der Drachentöter zum Drachenretter. Ganz in der Logik von Märchen stellt Ende das mythische Personal der nationalsozialistischen Kinderbuchliteratur unter Bann, verhängt einen Gegenzauber mit seiner Erzählung.

Als Günter Grass und Siegfried Lenz in ihren großen Romanen über die Kriegszeit das Dritte Reich aus Kindersicht schilderten, glaubten sie mit den Kindern eine Perspektive außerhalb der Moral eingenommen zu haben und wurden deshalb von der schuldbeladenen Generation angenommen. „Die Blechtrommel“ erschien zuerst 1959, „Die Deutschstunde“ 1968. Ende dagegen hielt nicht nur die Generation der Erwachsenen im Dritten Reich verstrickt, sondern auch die nächste Generation, die Heranwachsenden, Kinder, die eine biologistische Weltanschauung eingepaukt bekommen hatten, die in den Köpfen weiter schrillte wie das Klingeln in Pawlows Konditionierungsexperiment. Gleich den Kindern in Frau Mahlzahns Schule hatte auch ihre Welt bald kein Außen mehr, sie mussten sich an das halten, was man ihnen gab.

Jim Knopf war kein Zufall

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