https://www.faz.net/-gbj-11bk5

Darwin-Jahr 2009 : Jim Knopf rettet die Evolutionstheorie

  • -Aktualisiert am

Im Zentrum dieser Geschichten stand eine biologistische Ideologie, deren Schlagwörter Überlebenskampf, Sieg des Stärkeren und Rassereinheit hießen. Mit den Unterrichtsanweisungen von 1935 war Biologie zum wichtigsten Schulfach erhoben worden mit dem Lernziel, dass „kein Knabe und kein Mädchen die Schule verlässt, ohne zur letzten Erkenntnis über die Notwendigkeit und das Wesen der Blutreinheit geführt zu sein“. Die Kenntnis der „biologischen Grundtatsachen“ sei für die „Erneuerung unseres Volkes unerlässliche Voraussetzung“, das biologische Denken wurde zum „Unterrichtsgrundsatz“ erklärt, dem sich alle anderen Fächer unterzuordnen hätten, insbesondere „Deutsch, Geschichte, Erdkunde“. Das war im Deutschland des zwanzigsten Jahrhunderts aus Charles Darwins Evolutionstheorie geworden: Eine Theorie, die von Zufall, Variation und Wandel handelte, nahm die Gestalt einer Ideologie an, die Zucht, Herrschaft und Hierarchie predigte. Der Ort aber, wo dies gelehrt wurde, war die Schule. In Endes Kinderbuch hat die schwarze Pädagogik ein Zuhause. Ein Buchstabe ist es, der es von Lummerland trennt: Kummerland.

Lektionen in Rassenhygiene

„Das sieht ja aus wie eine Schule“, flüstert Jim Lukas im einundzwanzigsten Kapitel ins Ohr, als sie in der Drachenstadt Kummerland in das Klassenzimmer spähen, in dem Frau Mahlzahn an Bänke gekettete Kinder unterrichtet. „Rrrrrruhe!“, schreit der Drache und lässt den Stock durch die Luft pfeifen, „werrrr hat da eben geflüstert?“ Die Kinder schweigen mit eingezogenen Köpfen. Ende, dessen Vater während des Zweiten Weltkriegs in Murnau eine Kaserne mit dem Nibelungenlied ausmalte, verleiht dem Drachen einen militärischen Kommandoton. Wie Jim, der sich weigert, lesen und schreiben zu lernen, blickt auch Ende mit Grauen auf seine Schulzeit zurück: „Ich wollte nicht lernen, jedenfalls nicht, was man uns da beizubringen bemüht war.“ Und wie in Endes Schulzeit folgt der Stoff, der in Kummerland den Besuchern gelehrt werden soll, den Unterrichtsanweisungen von 1935. Die Lektionen heißen Rassenhygiene und Blutreinheit.

Die Frage der Rasse beginnt Lukas und Jim in dem Augenblick zu beschäftigen, als sie das erste Mal von der Drachenstadt hören. Im elften Kapitel entrollt der Kaiserliche Hofprofessor für Zoologie in Mandala eine Übersichtskarte, abgebildet ist die Gattung der Drachen wie auf einer Schulbildtafel. Worauf sie der Gelehrte nicht vorbereitet, sind die Halbdrachen, die in dem Vulkangürtel um die Drachenstadt leben und keinen Zutritt zum Zentrum haben. Die zwei Reisenden treffen zuerst auf den ausgestoßenen Halbdrachen Nepomuk, geboren aus einem Drachen und einem Nilpferd, ein Mischling, der sein Leben als „Schande“ beschreibt. Schon wenige Seiten später rollen Jim und Lukas auf eine riesige, rußgeschwärzte Höhlenöffnung zu, aus der es, wie Ende schreibt, „ein wenig herausrauchte wie aus einem Ofenloch“. Übergroß hängt darüber ein Schild mit der Warnung: „!Achtung! Der Eintritt ist nicht reinrassigen Drachen bei Todesstrafe verboten.“

Heilung durch Kunst

Inmitten eines Kinderbuchs tauchen plötzlich die Begriffe „Schande“, „Todesstrafe“ und „reinrassig“ auf, das Bühnenbild für dieses Vokabular ist ein in einen rauchenden Ofen einfahrender Zug. Der Leser befindet sich in diesem Augenblick nicht mehr in einer Fiktion, sondern in einer Vergangenheit, die für immer die Kunst verändert hatte, selbst das Hören einer Matthäuspassion. „Was KZ bedeutete“, sagt Ende in einem Interview, „wussten wir natürlich.“

Weitere Themen

Späte Wünsche

Neues Sams-Buch von Paul Maar : Späte Wünsche

Das kommt eben dabei heraus, wenn man verbotenerweise mit einer Wunschmaschine spielt: In seiner neuesten Geschichte schenkt Paul Maar seinem Sams und seinen Lesern einen blauen Drachen.

Topmeldungen

Der Abteilungsleiter für Wirtschaftsfragen im amerikanischen Außenministerium, Keith Krach, traf am 18. September in Taiwan mit Ministerpräsident Su Tseng-chang zusammen.

Militärmanöver : Plant China einen Angriff auf Taiwan?

Amerikas Beziehungen mit Taiwan werden immer enger. Nun plant Washington neue Waffenverkäufe an Taipeh – und verärgert damit China. Peking verschärft seine Drohgebärden in Richtung der Insel.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.