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Darwin-Jahr 2009 : Jim Knopf rettet die Evolutionstheorie

  • -Aktualisiert am

„Die Meerleute könnten uns doch vielleicht helfen“, sagt Jim Knopf im achtzehnten Kapitel, als er mit Lukas und dem Scheinriesen Turtur in der von Seepferdchen gezogenen Lokomotive Emma auf dem Meeresboden entlangfährt. Sursulapitschi, die silberhaarige Meerprinzessin, jagt ihr Kutschgespann durch die fantastische Unterwasserwelt, da geht den Reisenden der Sauerstoff im Führerhäuschen aus. Kurz vor dem Einschlafen, mit einem letzten Blick, sehen sie eine uralte, versunkene Stadt mit Palästen und wunderbaren Tempeln, erbaut aus glitzernden Edelsteinen. Es droht die letzte Station ihrer Reise zu werden; die Wüste, das rotweißgestreifte Gebirge, das Tal der Dämmerung, die Drachenstadt, den Magnetberg haben sie überstanden, dem Tod sind sie nun in der Stadt am Meeresgrund am nächsten.

Aus Atlantis wird Jimballa

Der Ort, an den sie Ende geschickt hat, ist natürlich Atlantis, der alte Mythos, den die Nationalsozialisten in Deutschland zuvor an sich gerissen und in unzähligen Kinderbüchern zu einer biologischen Rasseparabel umcodiert hatten. Atlantis war zur Urheimat der arischen Rasse erklärt worden. „Meine Vorfahren waren Arier“, führt etwa Sun Koh aus, der Held aus der über die Maßen erfolgreichen Science-Fiction-Serie „Sun Koh. Der Erbe von Atlantis“: „Eure germanischen Stämme sind ja weiter nichts als der nordische Zweig der atlantischen Arier“.

Es sei ein Jammer, berichtet Sun Koh im gleichen Heft 1935 seinen jungen Lesern, dass die Rasse nicht rein gehalten werde, bis auf Deutschland, wo der nordische Stamm mit einer planmäßigen Rassenpolitik wieder hochgezüchtet werde. „Wenn einmal unser Atlantis wieder aus dem Meere aufsteigt, dann holen wir uns von dort die blonden, stahlharten Menschen mit dem reinen Blut und schaffen mit ihnen das Herrenvolk, das endgültig die ganze Erde beherrschen wird.“ So klingt ein Kinderbuch aus dem Jahr 1935.

Zwei Jahrzehnte darauf lässt Michael Ende Atlantis auftauchen, als Jim Knopf entdeckt, dass er der letzte Nachfahre aus dem Geschlecht des heiligen Dreikönigs Kaspar ist, und sich die wiedergefundene Krone „auf seine schwarzen Kraushaare“ setzt. Aus Nebelschleiern erhebt sich da ein Land, dessen oberste Spitze Lummerland ist, ein Kontinent aus Bergen und Ebenen, sacht abfallenden Küstenstreifen und steilen Klippen.

Es funkelt in allen Regenbogenfarben, als sei es aus Edelsteinen zusammengesetzt. Das Land wird den Namen Jimballa erhalten. Aus allen Himmelsrichtungen ziehen die Völker auf diesen neuen Kontinent: in die Wälder und Prärien die Indianer, auf Tulpenfelder und saftige Wiesen die Holländer, in die Dschungel farbige Kinder mit Turbanen und in den nordischen Schnee kleine Eskimos. Weil das Land von Jimballa keine Angst kennt, fliegen auch die Vögel herbei, prächtige und unscheinbare, so zahm und zutraulich, dass sie sorglos herbeikommen, wenn man sie ruft. „So konnte nichts Böses das Land bedrohen“, heißt es bei Michael Ende. Aus Atlantis, der „Urheimat der Arier“, war Jimballa, „das Land der Kinder und Vögel“, geworden.

Die Mythen umcodieren

Von nun an können wir Endes Geschichte wie einen Schlüsselroman lesen. Wir entschlüsseln mit ihm die Enigma-Maschine des Dritten Reichs, mit der die Nationalsozialisten im Zweiten Weltkrieg ihre Funksprüche codierten. Es war Ende, geboren 1929, der früh verstand, dass nicht nur Funksprüche mit kriegsrelevanten Daten abgefangen werden mussten, um das Dritte Reich zu beenden, sondern auch die Mythen, Bilder und Geschichten, die in Schulen und Kinderzimmern in die Köpfe von Kindern telegraphiert wurden.

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