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Darwin-Jahr 2009 : Jim Knopf rettet die Evolutionstheorie

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Jim Knopf war Jemmy Button

Wenn wir im bald anbrechenden Jahr 2009 das hundertfünfzigjährige Jubiläum des Gründungswerks der Evolutionstheorie, „Über die Entstehung der Arten“, feiern und den zweihundertsten Geburtstag des Autors, Charles Darwin, dann sollten wir verstehen, wie aus Jemmy Button Jim Knopf wurde und warum aus einem englischen Reisebericht ein deutsches Kinderbuch entstand. Niemand aber wird uns diese Geschichte besser erzählen können als Michael Ende selbst, der Schriftsteller, dem eskapistisches Schreiben unterstellt wurde, der sich allerdings akribisch genau der historischen Fakten bediente und uns die unheimlichste Rezeptionsgeschichte der Evolutionstheorie in einem Kinderbuch vermachte.

Das Buch wurde Ende der fünfziger Jahre geschrieben, auch damals stand ein Darwin-Jubiläum unmittelbar bevor, aber es war eines, das einen Schatten mit sich trug: der fünfzehn Jahre zuvor untergegangene Nationalsozialismus hatte den Darwinismus zur Leitideologie erhoben. Zwar gab es die naturgeschichtliche Feier: so wurden die Galápagosinseln, die Darwin auf seiner Weltumseglung besucht hatte, von der ecuadorianischen Regierung zum Naturpark erklärt. Die „Darwin Research Station“ wurde gegründet; an den Universitäten war die Evolutionstheorie als wissenschaftliches Paradigma fest verankert.

Der nationalsozialistische Schatten auf der Evolutionstheorie

Aber der Name Darwin hatte trotz aller Erfolge ein böses Echo erhalten: Der Nationalsozialismus hatte die Evolutionstheorie zum ideologischen Kern seiner rassistischen Weltanschauung erklärt, und die Nachwelt konnte sich nicht sicher sein, wen sie eigentlich in Darwin feierte. Zu dieser Zeit schrieb in München der junge Michael Ende an der Abenteuerfahrt von Jim Knopf: 1956 begann er die Geschichte zu schreiben, zwei Jahre später war das Manuskript fertig.

Vielleicht hat man nicht gut genug zugehört, als Michael Ende sagte, dass es nie als Kinderbuch gedacht war. Ende hat sich stets zu einem assoziativen, fast surrealistischen Schreiben bekannt, in dem er die großen geistigen Überlieferungen wie einen Steinbruch benutzte. Da er immer wieder davor warnte, Bücher mit Botschaften zu versehen, hat manchen dazu verleitet, zu glauben, Endes Werk sei ein Produkt der reinen Phantasie. Es muss einem zu denken geben, dass dieser Autor, während seines ganzen Lebens immer vier Namen nannte, an denen er sich offenbar abarbeitete: Einstein, Marx, Freud und Charles Darwin. Als der Fischer Verlag Jahrzehnte später Michael Ende bat, ein Lesebuch aus den Texten zusammenzustellen, die ihn am meisten beeinflusst haben, nannte er an erster Stelle Rudolf Steiners Essay „Darwinismus und Sittlichkeit“.

Der entfremdete Darwin

Die Verantwortung für das, was er an einer Stelle einmal die Katastrophe seiner eigenen Kindheit nannte, gab er in einem Radiointerview 1991 diesem einen: „Die Idee des Rassismus und der Rassendiskriminierung entstand durch Weiterdenken von Darwins Theorien. Die Auslöschung lebensunwerten Lebens und Konzentrationslager.“ Kann man glauben, dass ein dreißigjähriger Schriftsteller im Jahre 1956 ins Reich der folgenlosen Phantasie flüchtet - vor allem, wenn er selber sagt, dass der Nationalsozialismus in der Schule, durch Bücher und Filme, eine ganze Kindergeneration mit fatalen Phantasien ausgestattet hat? Kann ein Kinderbuch, das fünfzehn Jahre nach Kriegsende erscheint, das die Begriffe Rasse und Schande benutzt, ein Märchenbuch sein? Oder müssten wir nicht mehr in die Tiefe gehen und zu den Mythen herabsteigen, wie Jim und Lukas auf dem Meeresboden zur versunkenen Stadt?

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