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Darwin als Lehrer : Lasst uns mit Darwin lernen

Mit Darwin lässt sich das Denken lernen: Bild aus einer historischen Zeitschrift zu Darwins Lebzeiten Bild: Archiv

Darwins Theorie wurde von Beginn an weniger als Lehre denn als Ideologie wahrgenommen. An den Schulen war sie umstritten. Heute spielt sie in den Lehrplänen eine untergeordnete Rolle. Dabei lässt sich mit Darwin lernen, wie man das Denken schulen kann - und nicht das bloße Wissen.

          7 Min.

          Die Evolutionslehre ist ein Sonderfall unter den naturwissenschaftlichen Theorien. Sie ist eine Theorie, die – jedenfalls die längste Zeit ihrer Existenz – ohne Zahlen, ohne Formeln und ohne Experimente auskam. Das war von ihrer Entstehung an eine wichtige Bedingung dafür, dass man sie als eine Art Philosophie meinte behandeln zu können und entsprechend diskutierte. Was Darwin schrieb, erschien als Weltbild – seinen Gegnern so sehr wie seinen Anhängern. Der Raum, der nicht von Zahlen und Experimenten besetzt war, wurde mit Weltanschauungskämpfen und mit Bildern gefüllt.

          Jürgen Kaube
          Herausgeber.

          Deren Abfolge zieht sich bis in die Gegenwart: die Sache mit dem Affen, der mitleidlose Kampf ums Dasein, die angebliche Höherentwicklung der Natur, die im Menschen endet, der vermeintliche Materialismus einer auf die Natur übertragenen Wettbewerbsideologie, der Sozialdarwinismus, die Nähe der Vererbungslehren zu Rassismus und Eugenik und schließlich die Provokation der Schöpfungsgeschichte, die manche bis heute in der Evolutionstheorie erkennen. Das erste Kapitel von „The Origin of Species“ handelt zwar gar nicht von Affen, Gott oder Fortschritt, sondern größtenteils von Tauben. Aber man las und liest in Darwin lieber Themen hinein, die man für interessanter hält als Tauben.

          Die Ideologisierung eines Fachs

          Das hatte insbesondere für den Biologieunterricht Folgen. 1882 wurde das Fach Biologie an den Oberstufen der preußischen Gymnasien abgeschafft, weil es mit der neuen Lehre und ihren weltanschaulichen Vertretern identifiziert wurde. Man stand in einem zweiten Kulturkampf. Fünfzig Jahre später sollte es dann nur noch Biologie geben. „In den Abschlussklassen sämtlicher Schulen“, so der preußische Kulturminister im September 1933, „ist unverzüglich die Erarbeitung dieser Stoffe in Angriff zu nehmen, und zwar Vererbungslehre, Rassenkunde, Rassenhygiene, Familienkunde und Bevölkerungspolitik.

          Die Grundlage wird dabei im wesentlichen die Biologie geben müssen, der eine ausreichende Stundenzahl – 2 bis 3 Wochenstunden, nötigenfalls auf Kosten der Mathematik und der Fremdsprachen – sofort einzuräumen ist. Da jedoch biologisches Denken in allen Fächern Unterrichtsgrundsatz werden muß“, so seien auch die übrigen Fächer in den Dienst dieser Aufgabe zu stellen. Dies ist die typische Einstellung zu etwas, das nur als Ideologie, nicht als Forschung wahrgenommen wird: Es ist entweder nichts oder alles.

          Kein Student liest Darwin

          Schaut man heute auf die Rahmenpläne für den Biologieunterricht, scheint sich der Umgang mit der Evolutionslehre normalisiert zu haben. Ab und zu gibt es noch unergiebige Diskussionen über die Frage nach ihren Grenzen und danach, wie sie sich zu religiösen Lehren verhält. Eine Handvoll Autoren tut so, als existiere eine Gegentheorie des „intelligent design“, die im Unterricht auch vorkommen müsse. Aber es gibt diese Theorie gar nicht, sondern bloß einen Affekt, der Forschung weder für sich aufbieten noch zukünftige anleiten kann oder auch nur will, weswegen er sich auf grundsätzliche Urteile darüber beschränkt, was man alles nicht wissen könne. Genauso gut könnte man im Deutschunterricht darüber diskutieren, ob Sprache überhaupt etwas mitteilt. Man täte der Philosophie unrecht, würde man so etwas philosophisch nennen.

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