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Von Mink und Mensch

Von ANNA-THERESA BACHMANN, Fotos STINE RASMUSSEN

26. November 2020 · Bis zum letzten Fell – oder was es bedeutet, wenn in Dänemark jetzt alle Zuchtnerze getötet werden. Ein Besuch auf einer Pelztierfarm in Seeland.

Wie es sein wird, wenn alles still ist, kann sich Christina Dahlin noch nicht vorstellen. Sie funktioniere momentan nur: Rein in die Arbeitsschuhe, raus zu den Tieren. Zwölf, manchmal dreizehn Stunden am Tag, seit die dänische Regierung um Ministerpräsidentin Mette Frederiksen am 4. November anordnete, dass alle Nerze im Königreich getötet werden müssen. Auch in Fjenneslev, eine Autostunde südwestlich von Kopenhagen, wo am Ende der Dorfstraße hohe Pappeln die Einfahrt zur Nerzfarm säumen. Ein Familienbetrieb, den Dahlin und ihr Lebensgefährte Hans Henrik Jeppesen bald von seinem Vater übernehmen wollten. Dann sprang das Coronavirus im Sommer vom Menschen auf die Zuchtnerze Nordjütlands über – und zurück. Mit Veränderungen, die als „Cluster 5“ Furore machen, obwohl diese Varianten noch nicht als besondere Gefahr gelten und Dänemark selbst bisher weniger als 800 Covid-19-Opfer zu beklagen hat.

Waren es im Oktober nur infizierte Betriebe in Jütland und Farmen in deren Umkreis von 7,8 Kilometern, die ihren Nerzbestand von vier Millionen Tieren keulen mussten, änderte die Regierung aus Angst vor weiteren Infektionen nun ihren Kurs. Zu schnell hat sich das Virus auf mittlerweile mehr als 280 Farmen verbreitet, wenn auch die „Cluster 5“-Mutationen bisher nur in Nordjütland nachgewiesen wurden. Mit der Anordnung im November galten in sieben Gemeinden Nordjütlands verschärfte Restriktionen. Diese wurden am Mittwoch fast vollständig aufgehoben, aber weiterhin gilt, dass Nerze im ganzen Land getötet werden müssen – unabhängig davon, ob Farmen infiziert sind oder nicht. 17 Millionen Tiere und mehr als 1100 Farmen sind davon betroffen. Die weltweit größte Produktion von Nerzfellen steht nach knapp einem Jahrhundert vor dem Aus.

Christina Dahlin, 30, ist mit der Pelzindustrie aufgewachsen, jetzt erlebt sie deren Ende.
Christina Dahlin, 30, ist mit der Pelzindustrie aufgewachsen, jetzt erlebt sie deren Ende.

In Seeland, wo bisher keine Infektionen unter den Tieren nachgewiesen wurden, stapft Christina Dahlin durch den Matsch bis zu einer offenen Halle mit grüner Metallverkleidung. Die Halle wurde erst vor wenigen Jahren gebaut, als Investition in die Zukunft. In zwölf langen Käfigreihen werden hier eigentlich 6000 Zuchttiere gehalten, zusätzlich zu den 30.000 Nerzen, die Dahlins Lebensgefährte und seine Familie jedes Jahr aufs Neue für die Pelzproduktion aufziehen. Jetzt ist die Hälfte der oberen Gitter mit toten Nerzen bedeckt, rücklings aneinandergereiht, die steifen Pfoten von sich streckend. Ein Provisorium bis zur Häutung.

Die acht Beschäftigten der Farm haben seit dem Regierungserlass mehr als zwei Drittel des Farmbestands gekeult. Schon vor Corona war der November in den Kalendern der Nerzzüchter für die Keulung vorgesehen, so auch hier in Fjenneslev. Mit tausend Tieren pro Tag, jetzt geht es im Akkord, inklusive der für die Zucht bestimmten Tiere. „Es fühlt sich nach Beerdigung an“, sagt Christina Dahlin. Wie ihr Lebensgefährte ist die 30-Jährige mit der Pelzindustrie aufgewachsen; schon ihr Großvater hatte eine Nerzfarm, und sie studierte Tierwissenschaften an der Universität Kopenhagen, spezialisierte sich auf Nerzzucht. Sie läuft zu den Käfigreihen im hinteren Teil der Halle, wo ein Teil der noch lebenden Tiere untergebracht ist und wo ihr Fiepen noch zu hören ist. Die Nerze pressen ihre Schnauzen durch die Käfige und stellen sich neugierig im Stroh auf die Hinterbeine. Auf Papierausweisen über den Käfigen sind alle Daten erfasst: Vater, Mutter, Geschlecht. Die weiblichen Tiere wiegen zu dieser Jahreszeit bis zu vier Kilo, männliche bis zu fünf, etwa so viel wie eine ausgewachsene Hauskatze.


„Es fühlt sich nach Beerdigung an“
CHRISTINA DAHLIN

Im großen Stil begann die Nerzzucht in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in den Vereinigten Staaten. Damals beschleunigte die Erfindung der Pelznähmaschine den Trend, und Pelzjacken oder -mäntel wurden zur gefragten Massenware. Über Nordamerika gelangte in den späten 1920er Jahren auch jene Nerzart nach Dänemark, die der Landwirtschaft im Schatten der Weltwirtschaftskrise eine neue Einnahmequelle bot und seither im Königreich gezüchtet wird: der Amerikanische Nerz, Neovison vison, auch Mink genannt. Wie der Europäische Nerz, Mustela lutreola, ist der Mink ein hundeartiges Raubtier und zählt mit Frettchen, Hermelin oder Otter zur Familie der Mustelidae, der Marder. Beide Nerzarten bevorzugen einen natürlichen Lebensraum in der Nähe von Gewässern und haben braunes Fell mit einem weißen Fleck am Kinn. Alle anderen Fellfarben sind das Ergebnis von Züchtungen. Der Europäische Nerz ist in Deutschland nahezu ausgestorben und steht auf der Roten Liste der bedrohten Tierarten Europas; ihm wird unter anderem zum Verhängnis, dass Zuchtnerze immer wieder ausbrechen und in seine angestammten Habitate drängen.

Alle 36.000 Nerze, die auf dieser Farm in Seeland bis vor kurzem gehalten wurden, müssen sterben.
Alle 36.000 Nerze, die auf dieser Farm in Seeland bis vor kurzem gehalten wurden, müssen sterben.
Alle 36.000 Nerze, die auf dieser Farm in Seeland bis vor kurzem gehalten wurden, müssen sterben.

In den 1990er Jahren überholte Dänemark den damaligen Topexporteur, die Vereinigten Staaten, und beherrscht heute vierzig Prozent des weltweiten Marktes. In der Branche hat das dänische Nerzfell einen ausgezeichneten Ruf; kühle Winter und milde Sommer tragen zur hohen Qualität der Felle bei. Doch öffentlicher Druck und der zunehmende Verzicht auf Pelzmode selbst großer Luxusmarken wie Gucci, Burberry oder Prada setzen der Pelzindustrie weltweit zu. Das Label der „sozialen Verantwortung“ gegenüber Textilarbeitern und Tieren ist zu einem neuen Trend in der Modeindustrie geworden.

Diesen Wandel spürt auch Christina Dahlin in Fjenneslev: „Unser Gewerbe steckt seit drei, vier Jahren in der Krise. Die Preise sind stark gefallen.“ Noch in der Saison 2013/14 hätte sie für das Fell eines männlichen Nerzes zwischen 500 und 600 Kronen verlangen können, umgerechnet 67 bis 80 Euro. Heute liege der Stückpreis bei der Hälfte. Und viele Züchter geben auf: Laut offizieller Statistik gab es 2015 in Dänemark rund 2570 Farmen mit Nerzproduktion, 2019 waren es nur noch etwa 1600. Diese Zahl umfasst alle Farmen, die wie in Fjenneslev ausschließlich Nerze halten, und jene, die zusätzlich andere Tiere züchten oder etwa Ackerbau betreiben. Konnte ein Nerzbetrieb im Jahr 2013 noch einen Umsatzgewinn von durchschnittlich 0,4 Millionen Euro verzeichnen, machte das Gewerbe 2019 Verluste von 94.000 Euro pro Betrieb. Damit ist der Exportwert von dänischen Nerzfellen drastisch gesunken, seit 2013 um 63 Prozent, 2019 waren es rund 660 Millionen Euro. Kritiker der Nerzzucht monieren deshalb, dass dieser Industriezweig schon erkrankt war, bevor sich die ersten Nerze mit Corona infizierten. Dahlin und andere Züchter hatten hingegen gehofft, dass sich Angebot und Nachfrage in Zukunft wieder regulieren würden. Der Absatzmarkt für die Felle ist ohnehin nicht in Europa, sondern in Asien, wo ein Großteil der Mäntel, Jacken oder auch Pelzaccessoires gefertigt wird. Und wo die Stücke dank zunehmendem Wohlstand außerdem sehr beliebt sind. Kein Wunder also, dass auf der Website von „Kopenhagen Fur“ Fotos der Fashion Week in Schanghai zu sehen sind. Im Jahr 1930 haben dänische Nerzzüchter diese Kooperative gegründet. Bis heute läuft der Verkauf aller dänischen Nerzfelle ausschließlich über fünf Auktionen pro Jahr, die „Kopenhagen Fur“ zum größten Auktionshaus für Felle weltweit gemacht haben. Auch die Kooperative sieht sich der „Verantwortung“ und „Nachhaltigkeit“ verpflichtet. Kunstpelz werde meist aus Fasern hergestellt, die auf Erdöl basieren, natürlicher Pelz sei hingegen eine erneuerbare Ressource, langlebig und biologisch abbaubar, heißt es auf der Seite im Internet.


„Unser Gewerbe steckt seit drei, vier Jahren in der Krise. Die Preise sind stark gefallen.“
CHRISTINA DAHLIN

Hinter solchen Argumenten dürfe sich die Pelzindustrie nicht verstecken, meinen Tierrechtsorganisationen. „In dieser Industrie werden Tausende und Abertausende Tiere in kleine Käfige gepfercht und sehr nah beieinander gehalten. Damit wird den Tieren immenses Leid zugefügt und eine Brutstätte für Covid-19 geschaffen“, sagt Birgitte Iversen Damm. Sie ist Tierärztin und Chefberaterin für Nutztiere und Nerze für „Dyrenes Beskyttelse“, die größte, zugleich älteste dänische Tierschutzorganisation. In freier Wildbahn seien Nerze Einzelgänger; leben sie stattdessen mit vielen Artgenossen auf engstem Raum zusammen, würden die Tiere aggressiv, sagt Iversen Damm: „Sie beißen sich gegenseitig oder verletzen sich sogar selbst.“

Für Betreiber, Angestellte und Anwohner ist es zunächst der beißende Geruch, der von Nerzfarmen ausgeht und belastend sein kann. Unauffälliger ist eine andere Gefahr, die von multiresistenten Keimen ausgeht, denn die Züchter füttern ihre Tiere vorwiegend mit Fischereiabfällen und den Resten von Schweinen, und durch den häufigen Einsatz von Antibiotika in der Mast können sich Resistenzen bilden; verbreitet sind MRSA-Stämme von Staphylococcus aureus, die etwa nicht mehr auf das Antibiotikum Methicillin reagieren. Seit 2016 zählen Menschen, die ständigen Kontakt zu Nerzen haben, in Dänemark zu den sechs MRSA-Risikogruppen. Der dänischen Veterinär- und Lebensmittelbehörde zufolge war bei der letzten Erhebung 2018 ein Viertel der Nerzfarmen mit dem Stamm MRSA CC398 infiziert, der als besonders problematisch gilt. Und dass hierbei ein Zusammenhang zwischen Schweinen, Nerzen und der Übertragung auf den Menschen besteht, legt eine 2020 veröffentlichte Studie von dänischen und schwedischen Wissenschaftlern im Fachblatt Veterinary Microbiology nahe.

Anfang November ordnete die dänische Regierung die Keulung aller Bestände an. Sogar auf dieser Farm, wo keine Corona-Fälle auftraten.
Anfang November ordnete die dänische Regierung die Keulung aller Bestände an. Sogar auf dieser Farm, wo keine Corona-Fälle auftraten.

Das enge Beisammensein von Mensch und Tier hat nun in der Pandemie für die Nerzzüchter fatale Folgen. Sind die Bestände mit Corona infiziert, dürfen Nerzfarmen in Dänemark ihre Tiere nicht selbst keulen, und die Kadaver werden in eilig ausgehobenen Gruben vergraben, mitsamt der Felle. Anders ist es auf Farmen, die nicht betroffen sind: „Kopenhagen Fur“ rechnet damit, dass auch in diesem Jahr noch fünf bis sechs Millionen neue Felle gewonnen werden können und die Auktionen 2021 zwar ausschließlich online, aber ansonsten wie gewohnt stattfinden werden. Bis zum letzten Nerzfell.

Die Felle aus Fjenneslev werden 2021 dabei sein. Ein paar Meter neben der neu gebauten Halle stehen rechts und links des Weges die älteren überdachten Käfige der Farm. In den langen Gängen surrt ein Motor monoton. Es ist das letzte vernommene Geräusch im Leben eines dänischen Zuchtnerzes. „Keulen“ heißt hier, die Tiere in einer fahrbaren Box mit Kohlenmonoxid zu vergiften. Etwa einhundert Tiere haben darin Platz. Einzeln heben die Farmarbeiter die Nerze aus den Käfigen. Sie tragen dabei dicke Handschuhe, weil sich die Tiere wehren und stark zubeißen können. Über eine Röhre gelangen die Nerze in die Box. Ein kurzes Rappeln. „Nach zehn bis fünfzehn Sekunden werden sie bewusstlos“, erklärt Christina Dahlin. Nach zwei Minuten sind die Nerze tot. Später werden die Tiere vor Ort gehäutet, die Felle gekühlt und nach Kopenhagen ins Auktionshaus gefahren; ihre Überreste landen in einer Biogasanlage.

Die Anordnung zum Massenkeulen vom 4. November setzte nicht nur Nerzzüchter unter Druck, sondern löste eine politische Krise aus: Ministerpräsidentin Frederiksen und ihr schnelles Durchgreifen während der ersten Corona-Welle im Frühjahr fand in Dänemark und international viel Anerkennung. Auf Facebook, wo die sozialdemokratische Politikerin sehr aktiv ist, postet sie beinahe täglich Selfies und Fotos mit Erläuterungen zu ihrer Corona-Politik. So auch einen Tag nach der Anordnung, als sie ein Foto hochlud, das sie in einer schwarzen Felljacke zeigt: „Zeig deine Unterstützung für Nordjütland“, rief Frederiksen ihre 250.000 Follower auf. Sie stammt selbst aus dieser Region.

Für die Massenkeulung muss jetzt eine Rechtsgrundlage geschaffen werden. Doch die Zucht wird in Dänemark vorerst ausgesetzt.
Für die Massenkeulung muss jetzt eine Rechtsgrundlage geschaffen werden. Doch die Zucht wird in Dänemark vorerst ausgesetzt.

Jedoch stellte sich heraus, dass der Regierung die rechtliche Grundlage fehlte, auch die Farmen ohne Corona-Fälle zur Keulung ihrer Bestände zu zwingen. Seither steht Frederiksen in der Schusslinie von Medien und Opposition, die Kommentarspalten auf ihrer Facebookseite füllen sich mit Anfeindungen. Insbesondere weil bekannt wurde, dass die Regierung vor der Anordnung wusste, dass diese gegen geltendes Recht verstößt. Zahlreiche Dänen, darunter auch jene, die der Nerzindustrie kritisch gegenüberstehen, werten dieses Verhalten als Vertrauensbruch. Mogens Jensen, Minister für Umwelt und Ernährung, nahm die politische Verantwortung auf sich und trat vergangene Woche zurück. Die Rechtslage bleibt jedoch weiterhin unklar: Eine nachträgliche Gesetzesänderung per Eilverfahren, für die Frederiksens Minderheitsregierung die Zustimmung aus Teilen der Opposition gebraucht hätte, lehnte der oppositionelle „blaue Block“ aus Parteien rechts der Mitte ab. Das Gesetz wird wohl im Normaltempo und damit erst im Dezember in Kraft treten. Es sieht unter anderem die Aussetzung der Zucht bis 2022 vor, Nerze dürfen auch nicht vorsorglich ins Ausland gebracht werden. Abgesehen davon, dass ihnen die Grundlage ihrer Existenz wegbricht, ist es dieses Tauziehen, das jetzt den auf 6000 geschätzten Beschäftigten in der dänischen Nerzindustrie zusetzt. Dazu zählen laut dem dänischen Arbeitsministerium aktuell 770 ausländische Angestellte, vor allem aus Osteuropa. Gehören diese wie die Ukraine nicht zur EU, droht den Angestellten beim Verlust des Arbeitsplatzes Ausweisung. Den Farmbesitzern hat die Regierung eine Entschädigung versprochen. Und einen Bonus von drei bis vier Euro pro Tier, wenn sie alle Nerze bis zum 18. November getötet haben. Wie hoch die Entschädigungen ausfallen werden und ob auch nichtinfizierte Farmen den Bonus erhalten, wissen Nerzzüchter wie Christina Dahlin noch nicht.

„Alle Züchter müssen gleich behandelt werden“, fordert Dahlin wenige Tage vor Fristende. An der Keulung der Bestände hält sie trotz aller Unsicherheiten fest: Wenn es das Gemeinwohl verlange, füge sie sich. Dass sich die dänische Industrie nach 2022 wieder erholen könnte, bezweifelt Dahlin. Sie werde sich wohl eine andere Beschäftigung in der Landwirtschaft suchen, auch wenn ihr das schwerfalle. „Ich habe überlegt, dieses Jahr ein paar Felle zu behalten“, sagt Dahlin. Sie möchte sich daraus einen Mantel nähen.

Mit Kohlenstoffmonoxid wurden diese Nerze getötet. Und weil auf der Farm keine Coronainfektion auftrat, werden ihnen die Felle abgezogen und verwertet.
Mit Kohlenstoffmonoxid wurden diese Nerze getötet. Und weil auf der Farm keine Coronainfektion auftrat, werden ihnen die Felle abgezogen und verwertet.

Das große Schlachten

Von SONJA KASTILAN

Welches Risiko droht, wenn Nutztiere sich infizieren und die Coronaviren mutieren?

Ein Hauch von Nerz – ist Luxus, der sich auf einmal zum Horrorszenarium entwickelt. Für uns. Dabei birgt umgekehrt der Mensch für den Nerz die größeren Gefahren. Da in Dänemark nun 17 Millionen Pelztiere in kürzester Zeit getötet werden, geben sich plötzlich alle entsetzt. Wer wusste zuvor, dass deren Haltung samt Fellhandel dort ein wichtiger Wirtschaftszweig ist? Dass die dänische Nerzzucht mit weit über 1000 Farmen sogar zu den größten weltweit zählt? Oder wie anfällig diese ursprünglich aus Amerika stammende Spezies Neovison vison für Corona ist? Dass infizierte Arbeiter vermutlich die Tiere ansteckten, die erst dadurch zum Infektionsherd wurden? Auf den Nerzfarmen lief ungeahnt ein riesiges Experiment, und für Wissenschaftler, die sich mit solchen Atemwegserkrankungen beschäftigen, stellt diese Erkenntnis wiederum keine allzu große Überraschung dar. Seit Jahren wird an Frettchen geforscht, und dass die ebenfalls zur Familie der Mustelidae zählenden Nerze sich als empfindlich erweisen, passt für sie zumindest ins Bild.

Ein Bild, das natürlich nicht vollständig ist und ständig um neue Facetten aus anderer Perspektive ergänzt werden muss. „Wir arbeiten mit Frettchen, betreiben dafür eine eigene Zucht, und vor der Corona-Pandemie waren sie als Modelltiere zum Beispiel in Bezug auf Influenzaviren wichtig“, erklärt Martin Beer vom Friedrich-Loeffler-Institut auf der Insel Riems. „In Versuchen zur Empfänglichkeit dienen uns Frettchen dann etwa als Indikatoren, wie gefährlich bestimmte Viren für den Menschen sein können.“ Auf diese Weise kann unter anderem überprüft werden, welches Potential verschiedene Varianten von Sars-CoV-2 besitzen, ob sie sich besser oder schneller verbreiten. Aktuell arbeite man mit den Kollegen in Dänemark zusammen, um die Nerzproblematik zu erfassen, tausche Daten, zudem Proben oder Seren. Schon bald werde man auch in Deutschland mit jenen Varianten arbeiten, die in der Nerzzucht besonders aufgefallen waren.

Ein Nerzfell brachte vor ein paar Jahren noch um die 80 Euro ein. Heute liegt der Stückpreis bei der Hälfte.
Ein Nerzfell brachte vor ein paar Jahren noch um die 80 Euro ein. Heute liegt der Stückpreis bei der Hälfte.

Dass Viren mutieren und sich weiterentwickeln, sei grundsätzlich zu erwarten, deshalb müsse man das Geschehen beobachten – und unter Kontrolle bringen, was für betroffene Farmen das Keulen infizierter Tiere bedeute, wie es im Fall der Vogelgrippe immer wieder zwingend nötig sei. „Will man eine Zoonose bekämpfen, muss man verhindern, dass sich ein Krankheitserreger, der auf den Menschen übertragbar ist, unter Millionen von Tieren ausbreitet“, stellt Beer klar. Dem kann Jan Felix Drexler vom Institut für Virologie an der Berliner Charité nur zustimmen. Zumal die schnelle Durchseuchung einer derart enggedrängten Menge von Wirten allem entspreche, was infektionsbiologisch von diesem Erreger zu erwarten sei, wenn sich Aerosole leicht verteilen oder auch Körperflüssigkeiten ausgetauscht würden. Auf der Berliner Fan-Meile oder im Karneval würde es wohl nicht anders verlaufen.

Nicht alle dänischen Farmen sind betroffen. Das European Centre for Disease Prevention and Control, ECDC, geht von rund zwanzig Prozent aus, dennoch will die Regierung anscheinend sichergehen und lässt keine Ausnahmen zu. Im April wurden die ersten Ausbrüche von Farmen in den Niederlanden gemeldet, seither sind ähnliche Fälle aus den Vereinigten Staaten, Spanien, Italien und Schweden bekanntgeworden. Dort herrschen nirgends Laborbedingungen, das heißt, aufgrund der Massentierhaltung ist es möglich, dass noch andere, altbekannte Erreger die Nerze plagen, ihre Abwehrkräfte zusätzlich schwächen. Sollten weibliche Zuchttiere trächtig sein, wirkt sich auch das auf ihren Immunstatus aus. Außerdem fördern Käfige, die dicht an dicht in langen Reihen stehen, dass Viren übertragen werden, das ließe sich künftig ändern. Im Gegensatz zu Frettchen, in deren Nasenraum sich die Viren zwar bestens vermehren, ohne dass die Tiere beeinträchtigt wirken, werden Nerze durch Sars-CoV-2 tatsächlich krank.

Dass sich die dänische Pelzindustrie nach 2022 wieder erholen könnte, bezweifelt Züchterin Christina Dahlin. Sie werde sich wohl eine andere Beschäftigung in der Landwirtschaft suchen, auch wenn ihr das schwerfalle.
Dass sich die dänische Pelzindustrie nach 2022 wieder erholen könnte, bezweifelt Züchterin Christina Dahlin. Sie werde sich wohl eine andere Beschäftigung in der Landwirtschaft suchen, auch wenn ihr das schwerfalle.
Dass sich die dänische Pelzindustrie nach 2022 wieder erholen könnte, bezweifelt Züchterin Christina Dahlin. Sie werde sich wohl eine andere Beschäftigung in der Landwirtschaft suchen, auch wenn ihr das schwerfalle.

Den Grund für diesen gravierenden Unterschied kennen die Forscher noch nicht. Auch lassen die für „Corona“ so empfänglichen ACE2-Rezeptoren nur zum Teil Rückschlüsse zu: „Die genetischen Sequenzen geben uns Hinweise, aber man muss zudem die Struktur des Moleküls berücksichtigen und eine Annahme dann im Tierexperiment testen“, erklärt Beer. Man habe inzwischen eine ganze Reihe verschiedener Spezies infiziert, darunter Goldhamster und Schwein. Und obwohl der Rezeptor des Schweins zum Beispiel anderes befürchten ließ, manche Zellkulturen sogar empfänglich waren, erwiesen sich die Tiere selbst als weitgehend immun, entwickelten weder Antikörper, noch schienen sie sich als Wirte für die Virenvermehrung zu eignen. „Ich bin heilfroh, dass Sars-CoV-2 weder Schweine noch Rinder oder Hühner zu treffen scheint, also Nutztiere in der Lebensmittelproduktion, die wir überall in großen Mengen halten und mit denen wir häufig in Kontakt kommen“, sagt Beer. Die Nerzzucht wiederum gilt als exotisch, doch es ist gerade die Ordnung der Raubtiere, in der Jan Felix Drexler aufgrund der Analysen seines Teams eine potentielle Infektionsquelle sieht. Viele Carnivoren stecken sich mit den Coronaviren an, tragen diese weiter.

Ob Löwen im Zoo oder freilaufende Stubentiger: Coronaviren, somit infizierte Menschen, bergen für sie ein Risiko, mehr noch als für Hunde. Grund zur Panik bestehe nach wie vor nicht, beruhigt Drexler, auch wenn auf bestimmte Mutationen stärker geachtet werde: „Klar, das Virus mutiert, aber bisher existiert selbst in den Nerzen nichts, was wir als eine Escape-Variante bezeichnen würden, die für uns eine Gefahr darstellt.“ Und die Übertragung von Mensch zu Mensch gelinge so gut, dass man sowieso etliche Mutationen finde. Veränderungen, egal welcher Art, müssten wir im Blick haben, betont Martin Beer, deshalb sei es wichtig, weltweit virales Erbgut zu sammeln. Über Datenbanken erhalte man Zugriff auf bereits mehr als 200.000 Sequenzen und könne darin gezielt nach Mutationen suchen, deren globale Verbreitung analysieren. So dominiert die mit „G614“ typisierte Variante seit dem Frühjahr die Pandemie, und „Y453F“, die vor allem in Verbindung mit den dänischen Nerzen steht, könnte eine Anpassung an diese Tierart bedeuten, was man näher untersuchen will. Die Angst, dass ein Erreger auftaucht, der virulenter und ansteckender ist als alle bisher grassierenden, besteht immer, zu Recht. Bisher deute jedoch nichts darauf hin, dass etwa von jenen im „Cluster 5“ zusammengefassten Mutationen eine besondere Gefahr für uns ausgehe, sagt Beer, außerdem sei das Virus sonst relativ stabil.


„Ich bin heilfroh, dass Sars-CoV-2 weder Schweine noch Rinder oder Hühner zu treffen scheint, also Nutztiere in der Lebensmittelproduktion.“
MARTIN BEER

Leicht verändere sich ein Coronavirus nicht, bestätigt Drexler. Zwar neige es wie alle RNA-Viren zu Mutationen, doch im Gegensatz zu Influenza sei es weitaus weniger wandlungsfähig: Das Genom ist mit rund 30.000 Basen ungewöhnlich lang, deshalb besitzen Coronaviren ein Korrekturprotein, NSP14 genannt, und dieses dämpft die Mutationsrate. Jetzt Alarm zu schlagen, dass ein verändertes Spike-Protein künftig den Impfschutz reduziert, wäre übereilt, auch wenn sich in Tausenden von Nerzen vielleicht Neues entwickeln konnte. Und falls dies der Fall sein sollte, ließen sich die derzeit gefeierten mRNA-Ansätze recht schnell anpassen.

Während alle Welt sorgenvoll nach Dänemark schaut, weiß jedoch niemand, wie es um die Pelzzucht in Asien steht. Noch immer ist ungewiss, woher Sars-CoV-2 stammt beziehungsweise welchen Weg dieser Erreger von der Fledermaus zum Menschen nahm. Welche Rolle spielten Marderhunde in den Anfängen? Oder jetzt? Martin Beer hofft, dass der Frage nachgegangen wird, wenn ein Expertenteam der Weltgesundheitsorganisation nach einem ersten virtuellen Meeting auch in China vor Ort zu suchen beginnt. Die Forscher sollten sich nicht nur auf den Märkten oder in Fledermaushöhlen umschauen, sondern auch auf den Pelztierfarmen.


Besuch beim Schweinemäster Alles Bullerbü in Bayern?
Bioviehwirt im Interview „Ich begrüße jeden, der vegan wird!“

Quelle: F.A.S.

Veröffentlicht: 26.11.2020 11:19 Uhr