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Covid-19 Fallzahlen : Der Blick in die Vergangenheit

Wer durch’s Teleskop schaut, der sieht bereits Vergangenes, wie hier ein Schüler in der Frankfurter Sternwarte. Bild: Nauck, Daniel

Dass Astrophysiker in der Zeit zurück schauen, ist für uns ein vertrautes Phänomen. Daran, dass wir das aber auch beim Studium der täglich gemeldeten Neuinfektionen mit Covid-19 tun, erinnert uns eine neue Studie.

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          Wir Astrophysiker kennen das Problem nur allzu gut. Wenn wir schreiben, in 1000 Lichtjahren Entfernung sei ein Stern explodiert, dann ist das streng genommen nicht korrekt. Der Stern ist schließlich schon vor 1000 Jahren explodiert. Die Endlichkeit der Lichtgeschwindigkeit, die alle kosmische Information mit einer zeitlichen Verzögerung bei uns eintreffen lässt, ist Fluch und Segen zugleich. Sie erlaubt den Blick in die Vergangenheit und lässt uns gleichzeitig mit der Ungewissheit zurück, dass wir nie wissen werden, was genau jetzt im allergrößten Teil des Kosmos vor sich geht. Letzteres ist zwar unbefriedigend, aber letztlich auch nicht weiter tragisch.

          Zumindest bei weitem nicht so tragisch wie der Informationsverzug, mit dem wir uns derzeit in anderen Kontexten konfrontiert sehen. Denn so wie wir mit Teleskopen in der Zeit zurückschauen, liefern uns auch die täglichen Zahlen der Neuinfektionen mit dem Sars-CoV-2-Virus einen Blick in die Vergangenheit. Der Grund: Wer sich mit dem Virus ansteckt, bemerkt durchschnittlich erst nach fünf bis sechs Tagen erste Symptome, beschließt dann vielleicht nach ein bis drei Tagen, zum Arzt zu gehen, und muss dann etwa noch einmal so lang auf ein Testergebnis warten. Erst wenn dieses Ergebnis seinen Weg dann auch zum Robert-Koch-Institut gefunden hat, sehen wir diese dann gar nicht mehr so neue Neuinfektion in den Fallzahlen.

          Wie groß dieser Verzug ist, haben Forscher um Viola Priesemann und Jonas Dehning vom Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation in Göttingen bestimmt. In ihrer Modellstudie, die im Journal „Science“ erschienen ist, untersuchten sie den Effekt der in Deutschland eingeführten Maßnahmen im Kampf gegen Covid-19. So konnten sie anhand der Modellierung der Zahl der Neuinfektionen tatsächlich drei Zeitpunkte identifizieren, an denen sich deren effektive Wachstumsrate deutlich änderte: Während die Absage von Großveranstaltungen ab dem 8. März und die Schließung von Schulen, Kinderbetreuung und Läden ab dem 16. März bereits zu einer deutlichen Abschwächung des Wachstums führten, brachte erst die Kontaktsperre ab dem 23. März die Kehrtwende hin zu fallenden Infektionszahlen. In den gemeldeten Zahlen wurden diese Effekte, der Studie gemäß, im Schnitt aber erst nach 11,4 Tagen sichtbar.

          Wenn wir also von einer bestimmten Zahl aktiver Infektionen in Deutschland sprechen, dann darf man nicht vergessen: Das sind allein die uns bekannten. Diejenigen, die noch keine Symptome zeigen oder auf ihr Testergebnis warten, können in dieser Zahl noch gar nicht enthalten sein. Und wie viele das sind, wissen wir nicht. Doch anders als in der Astrophysik können uns diese Fälle, deren Informationen noch nicht bei uns angekommen sind, keinesfalls egal sein, denn potentiell ansteckend sind sie trotzdem.

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