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Coronavirus-Epidemie : Zweifel an einer Trendwende

Mitarbeiterin in einem Diagnostiklabor in Wuhan Bild: dpa

Immer hörbarer spekuliert Peking über ein Abflauen der Coronaseuche, doch der neueste Bericht des Seuchenzentrums gibt keine Sicherheit. Dazu kommen neue Hinweise über eine mögliche Übertragung des Virus durch die Luft.

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          Mit dem Höhepunkt der Coronavirus-Epidemie rechnet man in Peking zwar erst in zwei Monaten, doch immer offensiver spricht die chinesische Regierung schon jetzt von der Trendwende in einigen Regionen – insbesondere im Umkreis des Epizentrums in der Region Hubei. Die Zahl der Neuinfektionen gehe vielerorts zurück, behaupteten etwa Vertreter aus Peking, nachdem eine Delegation der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zu Besuch gekommen war. In Genf warnte daraufhin prompt WHO-Generaldirektor Tedros Ghebreyesus vor zu großem Optimismus: „Es ist zu früh, um zu sagen, dass dieser Rückgang andauern wird. Alle Szenarien sind weiterhin möglich.“ Bis Dienstag ist die Zahl der bestätigten Infektionen mit Sars-CoV-2 auf mehr als 73.000 gestiegen, an der hierdurch ausgelösten Viruskrankheit Covid-19 sind mindestens 1873 gestorben.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Ausschlaggebend für den plakativen Optimismus der chinesischen Vertreter ist ein zehnseitiger Bericht des chinesischen Seuchenzentrums, des Chinese Centre for Disease Control and Prevention (CCDC), in dem die Akten von 72.314 Patienten vor allem ausgewertet wurden. Betrachtet wurden klinische Einweisungen zwischen Dezember – dem mutmaßlichen Ausbruch der Seuche – und dem 11. Februar. In weniger als zwei Drittel der Fälle – bei 44.672 Patienten – war das Virus nachgewiesen worden, 1023 Todesopfer waren bis dahin zu beklagen. Der CCDC-Bericht ist damit die mengenmäßig bislang  umfangreichste und eine der wichtigsten Datensammlungen über die chinesische Covid-19-Epidemie. Die WHO würdigte die Dokumentation mit dem Satz, man wisse jetzt schon einiges mehr über das Virus. Tatsächlich ist nun klarer denn je, dass es vor allem die Menschen über sechzig Jahren und die an chronischen Leiden wie Diabetes oder Herzschwäche Erkrankten sind, die der komplikationsträchtigen Lungenkrankheit  zum Opfer fallen – von den über 80-Jährigen beispielsweise starb jeder siebte Patient, eine Sterblichkeitsrate, die noch über der Gesamtsterblichkeit von Sars vor siebzehn Jahren liegt. Allerdings gibt es für die große Mehrzahl der Infektionen auch gute Nachrichten: dass nämlich wohl mehr als 80 Prozent der Patienten in den Kliniken milde Verläufe aufweisen. Vom Rest müssen zwei Drittel mit einer schweren Lungenentzündung und Atemnot behandelt werden, und immerhin noch fünf Prozent erleiden schwere Komplikationen: Lungenversagen, septischer Schock oder Multiorganversagen. Zwei Prozent der infizierten Patienten in der Klinik sind letztlich an der Infektion gestorben.  

          In dem CCDC-Bericht wird am Ende freilich auch eine Behauptung aufgestellt, die inzwischen Widerspruch geerntet hat. Am Ende heißt es nämlich, nachdem man explizit die Seuchenbekämpfung der Regierung in Peking gewürdigt hat, sehr eindeutig, dass man von einem Abflauen der Epidemie nach dem im Bericht berücksichtigten Ende der Datensammlung am 11. Februar ausgehe. Der die Klinik Schwabing in München leitende Infektiologe Clemens Wendtner, der unter anderem das Münchener Cluster mit Coronavirus-Patienten betreut, sieht das skeptisch: „Als Kliniker hege ich noch Zweifel, ob es sich dabei schon um die erhoffte Trendwende bei diesem gewaltigen Ausbruch handelt. Nach Berichten aus China hat dort ja zeitweise die Verfügbarkeit der Nachweisdiagnostik (RT-PCR) abgenommen, sodass ich hinter diesen Meldezahlen der PCR-bestätigten Fälle zumindest in Hubei ein Fragezeichen setzen würde. Dort wurden sicher nicht alle Erkrankten diagnostiziert.“

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