https://www.faz.net/-gwz-a0min

Coronaviren aus der Toilette? : Deckel drauf

Der Besuch des stillen Örtchens ist privat, aber auch sicher in Covid-19-Zeiten? Bild: dpa

Wie gefährlich sind öffentliche Toiletten? Das fragen sich inzwischen viele, die sich über die zugegeben erstaunlichen Ausbreitungspfade des Covid-19-Virus Sorgen machen. Die Meldungslage ist diffus, und die Toiletten-Gerüchte stinken zum Himmel.

          4 Min.

          Manche Recherchen rächen sich aufs Grässlichste. Es sind nicht die, die ins Leere laufen – die ohne Belege abgehakt werden und einem die Zeit rauben. Nein, aus denen kann man im Zweifel auch einiges lernen. Richtig schmerzhaft wird es dagegen, wenn sich auf einen Anfangsverdacht hin Bilder verdichten, die zwar an sich belanglos sind und  deshalb normalerweise verdrängt werden, die einen gleichzeitig aber auch so anwidern, dass sie nicht mehr aus dem Kopf zu kriegen sind. Dann kann man sie nicht mehr einfach fallen lassen, sondern muss sich erst recht damit befassen. So verhält es sich mit der Frage, die in den letzten Tagen praktisch von jedem Medienhaus der Welt bis hin zur New York Times, von jedem Magazin bis hin zu National Geographic und diversen Nachrichtenagenturen aufgeworfen wurde: Sind Toiletten gefährliche Orte für die Weiterverbreitung der Pandemie? 

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Grundsätzlich ist vorauszuschicken: Toiletten werden als Gegenstand öffentlicher Betrachtungen wie als Gegenstand der Forschung unterschätzt. Suchen Sie mal spaßeshalber auf Twitter nach dem englischen Begriff dafür: „toilet“. Da ist in diesen Stunden einiges über Donald Trumps erklärungsbedürftigen Oklahoma-Wahlkampfauftritt mit einem Wasserglas zu lesen, aber auch die Video- und Fotoangebote derer, die sich Smartphone voran durch öffentliche und private Toilettenräume schleichen und mit anrüchigen Anmerkungen versehen, lassen einen sprachlos zurück. Und unter all diese unappetitlichen Wortausscheidungen mischen sich nun die Beiträge und Kommentare über aktuelle infektiologische Arbeiten im Umfeld moderner Toilettenanlagen, die offensichtlich schon Jahrzehnte lange Tradition besitzen. Im Jahr 2013 stellten jedenfalls Forscher aus Oklahoma (sic!) im „American Journal of Infection Control“ einleitend fest, was jetzt wieder gerne zitiert wird: „Die potentiellen Risiken, die von Aerosol-Schwaden beim Spülen der Toiletten ausgehen, ist Gegenstand anhaltender Forschungsarbeiten.“ 

          Das ist natürlich Futter für notorische Virologen-Kritiker: Nichts eindeutiges weiß man nicht? 2003, also noch zehn Jahre davor noch, hatte während der ersten Coronavirus-Epidemie ein gewaltiger Ausbruch mit dem Sars-1-Virus in einem Hongkonger Hochhaus für Furore gesorgt. 42 Menschen waren damals gestorben. Wie sich etwas später  bei Nachforschungen im Gebäude herausgestellt hat, waren die Abwasserleitungen im ganzen Haus defekt, was dafür gesorgt haben soll, dass jedesmal, wenn gespült wurde, kontaminierte Toiletten-Aerosole in rauhen Mengen gebildet und sich in der Raumluft angereichert haben sollen. Das Abwasser galt von da an als Quelle der Infektion. In Wirklichkeit aber blieb es nur ein Verdacht. Bis heute.

          Die Covid-19-Pandemie bot nun den Virologen die Chance, den, wie sie es nennen, fäkal-oralen Übertragungsweg für die Coronaviren zu prüfen. Die ersten Hinweise aus Wuhan in China und später auch aus anderen Ländern (auch durch die ersten Sars-CoV-2-Infizierten im Münchener Raum) waren allerdings ernüchternd: Im Stuhl vieler positiv Getesteter war zwar Erbmaterial des Virus nachgewiesen worden, aber offensichtlich war es nicht infektiös. Die Viruspartikel waren zerstört und nicht mehr vermehrungsfähig. Gleichzeitig sammelten die Virologen weitere Hinweise, dass bei einem  Teil  der Darmtrakt vom Virus befallen wird und entsprechende Symptome wie Durchfall die Folge sind. In einer Metaanalyse von 29 Studien zu gastrointestinalen Folgen einer Covid-19-Erkrankung mit 4805 Patienten heißt es im Fachblatt „JAMA Network Open", dass bei mehr als zehn Prozent aller Infizierten Durchfall, Übelkeit oder Erbrechen zu den Symptomen gehören. Virus im Darm, das regt die Spekulationen an. Das Gute daran: Aus dem Umstand, dass Virus-RNA-Material im Abwasser landet und sogar in Kläranlagen noch nachweisbar ist, ließ bereits ganz neue Corona-Diagnostik-Pläne gedeihen: Abwasser-Analysen als Frühwarnsystem für neue Covid-19-Cluster. Zahlreiche Wissenschaftlergruppen, auch hierzulande, arbeiten an solchen Plänen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Ein Forscher des Australian Institute of Marine Science vermisst am Clerke Reef Korallenschäden.

          Wende in der Klimakrise? : Noch ist nichts verloren

          Der Klimaforscher Mojib Latif glaubt an die Wende in der Klimakrise – gerade nach dem Corona-Schock. In seinem neuen Buch „Heißzeit“ erklärt er, was auf Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zukommt.
          Bewohner des dicht besiedelten Viertels Hillbrow in Johannesburg, Südafrika

          Bevölkerungswachstum : Afrikas demographisches Dilemma

          Bis zum Ende des Jahrhunderts leben elf Milliarden Menschen auf der Erde. Vor allem in Afrika steigt die Zahl. Was bedeutet das für den Kontinent und seinen Nachbarn Europa – auch im Hinblick auf das Coronavirus?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.