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Studien zu Corona-Variante : Zweifel an der Mutationsgefahr aus England

Coronaviren (blau eingefärbt) in einer Gewebeprobe. Bild: dpa

Aggressiver oder nicht – über die zusätzlichen Risiken, die von der Corona-Viruslinie B 1.1.7 ausgehen, wird viel spekuliert. Nach weiteren Studien gibt es inzwischen einen Streit unter Londoner Forschern.

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          Seit knapp zwei Wochen wird die Fahndung nach der in Südengland entdeckten Sars-CoV-2-Variante intensiviert, und in einigen Ländern scheint die Genomforscher offenbar nur noch diese eine Coronavirus-Variante zu interessieren. Klar ist: Die Virus-Linie B.1.1.7., von der britischen Regierung auch als „Variant of Concern 202012/01“ und kurz vor Weihnachten als neue Covid-19-Bedrohung präsentiert, ist teilweise schon seit Monaten in vielen Ländern verbreitet – Deutschland eingenommen, wo die Variante mindestens schon im November bei einem Corona-Test erfasst wurde.

          Joachim Müller-Jung
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Für die britische Regierung, die zum Zeitpunkt der Bekanntgabe wegen eines neuen Lockdowns politisch erheblich unter Druck stand, schien damals klar: Die Kombination aus knapp ein Dutzend Mutationen im Viren-Erbgut, die den molekularen Aufbau des Viruspartikels verändern und auch das für die Infektion entscheidende Spike-Protein nicht ausnehmen, bedeuten ein zusätzliches Infektionsrisiko. Um 67 bis 75 Prozent könnten die Mutationen die Wachstumsrate der Variante erhöhen, verglichen mit den in Südengland zusehends verdrängten klassischen Virus-Stämmen. Der Erreger vermehre sich stärker, und damit sei die Viruslast im Rachen der Infizierten und auch die Ansteckungsgefahr deutlich größer.

          Das jedenfalls schloss man aus den Genomdaten und epidemiologischen Beobachtungen. Auch auf eine Basisgröße des Virus, die Reproduktionsrate (R-Wert), wirke sich das aus: Um 0,39 bis 0,93 erhöhe sich der R-Wert wegen der Mutationen. Eine Steigerung um immerhin fast ein Drittel – im ungünstigsten Fall.

          Für die Regierung von Boris Johnson war das alles Grund genug, Alarm zu schlagen. Das Virus sei definitiv deutlich ansteckender. Dass die Mutante möglicherweise auch kränker macht und tödlicher sein könnte, wollte man in London anfangs zumindest nicht explizit ausschließen. In Expertenkreisen allerdings war man sich keineswegs so sicher, ob die Datengrundlage für eine so weitreichende Interpretation genügt. Auch die aus den Modellen abgeleitete Spannbreite der epidemiologischen Basiswerte macht deutlich: Empirisch müsste da dringend nachgearbeitet werden.

          Nun hat die Gesundheitsbehörde PHE in London einen zweiten Technischen Bericht zu B 1.1.7 vorgelegt. Neue epidemiologische Befunde aus einer Kohortenstudie, in der die Mutante und klassische Sars-CoV-2-Varianten verglichen wurden, liegen jetzt vor. Dabei geht es um fast 1800 Covid-19-Fälle, die seit September ausgewertet wurden und aus einer Infektion mit der neuen Variante stammen. Verglichen wurden die Verläufe mit ebenso vielen Fällen, die durch ältere, vermeintlich harmlosere Virenstämmen verursacht wurden.

          „Keine schwereren Verläufe“

          „Dies ist die erste solide Evidenz, dass die Linie B 1.1.7. keine schwereren klinischen Verläufe verursacht“, twitterte Jeffrey Barrett vom Sanger-Institut, der die britische Genom-Initiative leitet. Und auch was das Risiko angeht, wegen einer Infektion in die Klinik eingewiesen oder am jeweiligen Virus sterben zu müssen, sei in allen erfassten Altersgruppen unverändert hoch. Unter den mit der B 1.1.7-Linie Infizierten gab es sogar etwas weniger Klinikeinweisungen. Zudem sei die Gefahr einer Reinfektion – einer zweiten Corona-Ansteckung nach einigen Monaten mit der neuen Variante – ebenfalls nicht erhöht, zumindest ist ein erhöhtes Risiko nicht aus den vorliegenden wenigen Fällen abzulesen. Ein weiteres Indiz dafür, dass die nach Corona-Impfungen erzeugten Antikörper wohl auch die britischen Virus-Varianten attackieren dürften.

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