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Coronavirus-Varianten : Lambda auf der Reservebank

Wo Delta wütet: In einem Krankenhaus in Sankt Petersburg. Bild: AFP

Eine über Monate blasse Sars-CoV-2-Variante macht plötzlich öffentlich Karriere: Wie „Lambda“ trotz anderslautender Fakten doch noch zu einer kleinen Berühmtheit im Covid-Horrorkabinett werden konnte.

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          Vor etwas weniger als einem Monat hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die Virus-Linie C.37 als „Variant of Interest“ identifiziert und als „Lambda“ in ihr neues, nach dem griechischen Alphabet geordneten System der auffälligen Sars-CoV-2-Varianten eingereiht. Lambda breitete sich in Südamerika seit August vergangenen Jahres aus. Damals gab es für sie kaum Konkurrenz, Impfstoffe sowieso nicht. Als Ursprungsland gilt Peru. Zu den vier „Variants of Concern“ – den besorgniserregenden Virusvarianten nach WHO-Einschätzung – reichte es für Lambda nicht. Als Variant of Interest, kurz VOI, war sie dennoch epidemiologisch bald über die geographische Region hinaus einigermaßen interessant, in dreißig Ländern ist sie inzwischen nachgewiesen.

          Auch genetisch fiel sie zuerst einmal auf, weil sie wie andere Virusvarianten eine Reihe von Mutationen enthält, die sie potentiell ansteckender macht als das Ursprungsvirus und wegen möglicher Immunflucht-Mutationen auch womöglich gefährlicher für uns Menschen. Der Fokus lag dabei auf den beiden bisher wenig bekannten Mutationen L452Q und F490S im sensiblen Bereich des Spike-Virus-Moleküls.

          Alpha und Delta sind tonangebend in Europa

          Weitergehende relevante Befunde blieben dann allerdings aus. Das Robert Koch-Institut hat das Virus in seinem vor zweieinhalb Wochen veröffentlichten Varianten-Statusbericht in einer Tabelle von „unter Beobachtung“ stehenden Varianten erwähnt. In der genetischen Virus-Datenbank Gisaid tauchte Lambda unter. Nachweise in Europa gab es bis vor kurzem, als es mit den Reisen wieder losging, kaum. „Public Health England“, das für sein besonders akribisches Virusüberwachungssystem berühmt ist, hat Lambda kürzlich in einer fünfzeiligen Notiz aufgeführt: Zwischen 23. Februar und 7. Juni seien sechs Lambda-Infektionen bekannt geworden, vier in London, eine im Südwesten und eine in den Midlands. Fünf davon waren mit Reisenden eingeschleppt worden, der Ursprung der sechsten ist unklar geblieben. Heißt: Lambda war epidemiologisch quasi ein No-Name, ein Pandemie-Mitspieler auf der WHO-Reservebank. Auf dem europäischen Feld waren Alpha und Delta tonangebend, und sie sind es bis jetzt.

          Neben der Arena allerdings, im Entertainment-Bereich der Pandemie-Berichterstattung, scheint sich Langeweile auszubreiten. Denn plötzlich bekommt die blasse Lambda-Variante öffentlich Eigenschaften zugeschrieben, für die es keine seriösen Nachweise gibt. Egal: „#Lambda“ wird hochgejubelt und trendet, und das ausgerechnet deshalb, weil diejenigen, die das ganze sowieso für einen Spuk halten, auf die Spekulationskörnchen massenhaft noch den eigenen Meinungsmüll absondern.

          Am 3. Juli, immerhin das lässt sich handfest belegen, ist auf der Preprint-Plattform „bioarXiv“ eine (wissenschaftlich noch nicht begutachtete) Studie zu Lambda von Mikrobiologen der NYU Grossman School of Medicine in New York erschienen. Fazit: Lambda ist unter den bekannten Varianten eine infektiologisch besonders unspektakuläre. Die Ansteckungsrate liegt zwar etwas über dem Ursprungsvirus, aber sowohl die bekannten Impfstoffe als auch die Antikörper von Genesenen und selbst die besonders empfindlichen künstlichen monoklonalen Antikörper, die als Therapie in Frage kommen, werden durch die Virus-Mutationen nicht nennenswert beeinträchtigt.

          So muss das Spektakel um Lambda einstweilen zu jenen kommunikativen Schreckschüssen gezählt werden, für die in den USA der Begriff „Scariants“ geprägt wurde: Angstmacher-Varianten.

          Joachim Müller-Jung
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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