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Corona und die Zweifler : Der Tod ist nicht alles

Mit Atemschutz-Maske hinter der Wärmebildkamera. Bild: Lucas Bäuml

Wo ist die Evidenz, fragen Corona-Skeptiker: Die Verharmlosung der Katastrophe trifft längst nicht nur Wissenschaftler ins Mark. Hinter den Sterbeziffern türmt sich eine unvorstellbare Krankheitslast.

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          Wer will noch von einem aufgeklärten Diskurs sprechen, wenn der amerikanische Präsident, wie nun geschehen, den Leiter seiner Seuchenbehörde eine „verwirrte“ Person nennt, weil dieser die Einschätzung seiner Impfstoffexperten wieder gibt und nicht dem Mann im Weißen Haus nach dem Mund redet? Nicht überall sind die Zeiten für Corona-Experten so dunkel. Oft sind die Schmähungen, die Wissenschaftler zu ertragen haben, sehr viel subtiler. Aber die Verdunkelungsgefahr ist allgegenwärtig, und sie droht nicht nur aus der politischen Ecke. Auch da, wo die Pandemielage immer noch vergleichsweise entspannt ist, herrscht der Unfriede. Oder vielleicht gerade da.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          „Covid-19: Wo ist die Evidenz?“, das fragte ostentativ vor einigen Tagen das „Deutsche Netzwerk Evidenzbasierte Medizin“ (EbM), ein Verein, der für sich in Anspruch nimmt, eine Gesundheitsforschung nach den strengsten Kriterien der wissenschaftlichen Beweisführung anzustreben. In dem Papier, in dem sogar die Fachautoren unterschlagen werden, heißt es, in Anlehnung an eine ähnlich lautende Stellungnahme von vor einem halben Jahr: „Es gibt insgesamt noch sehr wenig belastbare Evidenz, weder zu Covid-19, noch zur Effektivität der derzeit ergriffenen Maßnahmen. Aber es ist nicht auszuschließen, dass die trotz weitgehend fehlender Evidenz ergriffenen Maßnahmen inzwischen größeren Schaden anrichten als das Virus selbst.“

          Schon die kurz darauf erfolgte Veröffentlichung von Evidenz-Experten der Deutschen Cochrane Stiftung, die unter zehntausenden Covid-19-Publikationen systematisch nach wissenschaftlichen Belegen für die Wirksamkeit von Coronamaßnahmen wie Quarantäne, Tests und Reisebeschränkungen gesucht haben, entlarvt das Mediziner-Netzwerk. Zwar sei die Studienlage noch alles andere als sicher, weil oft mathematische Modellstudien mit unsicheren Annahmen dominierten und die „Real-life-Evidenz“ aus schwer kontrollierbaren Beobachtungsstudien stammten. Dennoch reicht die Evidenz aus, um etwa im Hinblick auf die Quarantäne schlussfolgern zu können: „Quarantäne ist wichtig, um die Inzidenz und Mortalität während der Covid-19-Pandemie zu reduzieren.“

          Abwesenheit von Evidenz ist noch keine Evidenz der Abwesenheit

          Und was die EbM-Spekulation betrifft, die Schäden durch Corona-Maßnahmen könnten bereits größeren Schaden angerichtet haben als das Virus selbst, stellen die Evidenz-Forscher klar: Wie es an einer zufrieden stellenden Evidenzbasis im Hinblick auf die untersuchten Corona-Maßnahmen mangele, so „fehlt es an Belegen für die wirtschaftlichen und sozialen Schäden, die sich aus diesen Maßnahmen ergeben“.

          Es ist offensichtlich, dass es hier um formale wissenschaftliche Letztbeweise geht, die in einer unabgeschlossenen pandemischen Situation wie heute noch nicht zu erbringen sind – und im seuchenpolitischen Alltag deswegen auch nicht Voraussetzung für Entscheidungen sein können. Schon der Gottesbeweis war so nicht vernünftig zu führen. Es gilt: Abwesenheit von Evidenz ist noch keine Evidenz der Abwesenheit. Trotzdem ist der Streit um die Corona-Evidenzen offenbar geeignet, den Zirkus auf den sozialen Plattformen auch bei entspannter Pandemielage am Laufen zu halten.

          Das erste antiwissenschaftliche Einfallstor waren zuerst die Infektionszahlen – und daraus abgeleitete, schiefe Vergleiche. Besonders beliebt: die vermeintlich „harmlose Grippe“. Die bevölkerungsweite Infektionssterblichkeit von Covid-19 bewegt sich in vielen Ländern immer noch deutlich über der saisonalen Influenza-Grippe, selbst in europäischen Ländern wie Spanien und Großbritannien. Aber niemand kann ausschließen, dass es am Ende in Ländern mit einer guten medizinischen Versorgung wie in Deutschland und auch in solchen mit einer weniger risikobehafteten Altersverteilung der Bevölkerung, zu einer weiteren Annäherung der Sterblichkeitsziffern kommt. Je mehr junge Menschen symptomarm oder symptomlos erkranken und je nachhaltiger das Sterblichkeitsrisiko durch die sukzessive eingeführten Therapien für schwer kranke Covid-19 gesenkt wird, desto harmloser mag das neue Corona-Virus erscheinen. Ein trügerischer Fehlschluss. Sars-CoV-2 ist in den ersten neun Monaten der Pandemie nicht harmloser geworden. Der Blick in die Hotspots der Virenausbreitung lässt da keine Zweifel zu. Und auch bei uns ist die latente Gefahr in den höheren Altersgruppen und auch jene für Krebs-, Herzpatienten und schwergewichtige Diabetiker bisher ganz offenkundig nur durch Masken, Abstandhalten und Hygiene beizukommen.

          Das Präventionsparadox der Corona-Politik

          Trotzdem macht sich mit dem Wunsch nach Entspannung und Risikovermeidung unübersehbar ein diffuses Gefühl breit, das die Gefährlichkeit zu verdrängen bereit ist. Die außergewöhnlich niedrigen Covid-19-Todeszahlen in Deutschland sind der Hoffnungsanker dafür. Dass sie nur wegen – und nicht trotz – der Coronamaßnahmen und einer bemerkenswerten Disziplin der stillen Mehrheit zustande kommen, unterschlagen die sogenannten Corona-Skeptiker. Statt dessen setzen sie alles daran, die realen Risiken weiter zu verunklaren. Der gegenaufklärerische Impuls erschöpft sich dann in Sätzen wie „das Leben kann man ja nicht pausieren lassen“, die keinen ernsthaften Realitätstest, jedenfalls nicht in diesem Land, bestehen.

          Demo gegen die Corona-Regeln in Wiesbaden.
          Demo gegen die Corona-Regeln in Wiesbaden. : Bild: dpa

          Der Corona-Politik ihrerseits wird das Präventionsparadox mutmaßlich noch lange nachhängen. Je mehr sie tut, um die Pandemie in den Griff zu bekommen und das vorzeitige Sterben durch Covid-19 zu verhindern, desto stärker tritt der Obskurantismus ihrer Gegner hervor. Das Verharmlosen von tausenden Grippetoten gehört genauso dazu. Die Toten sind für die meisten nur so lange erträglich, wie sie als abstrakte Zahlen verhandelt werden.

          Welche Formen das annimmt, ließ sich Anfang der Woche in Informationsschriften und Aufrufen von Medizinern zum Weltsepsistag nachlesen. Sepsis, oft ungenau als Blutvergiftung bezeichnet, ist der größte infektionsbedingte Killer überhaupt. Selbst die Weltgesundheitsorganisation, die sich erst mit Jahrzehnten Verspätung dem Thema angenommen und den ersten Bericht dazu veröffentlicht hat, ist durch die Pandemie regelrecht wachgerüttelt worden. Denn ausgerechnet Covid-19 verhält sich pathologisch fast lehrbuchmäßig im Sinne einer Sepsis. Was im Namen des Corona-Virus zu Beginn der Pandemie noch als schwere Lungeninfektion ausgewiesen wurde, ist inzwischen als lebensbedrohliche Systemkrankheit anerkannt. Die Blutgefäße, das Herz, die Niere, die Leber, auch das Gehirn, werden durch die bei schwerem Verlauf unkontrollierbare Virenvermehrung und ein völlig überfordertes, hyperaktives Immunsystem lebensbedrohlich in Mitleidenschaft gezogen.

          Die Sepsis ist ein Menetekel

          In der wissenschaftlichen Literatur häufen sich die Schicksalsberichte, in denen das Zerstörungswerk des Virus haarklein nachgezeichnet wird. Sie legen auch offen, wo der Gesundheitsschutz schon lange vor der Pandemie schamlos versagt hat: Zweihundert Menschen sterben allein in Deutschland täglich an Sepsis, und die meisten davon wären nachweislich durch frühere Erkennung von Ärzten, durch Qualitätskontrollen in den Kliniken und konsequenteres Handeln auch im Kampf gegen Antibiotikaresistenzen zu vermeiden. Es sind aber nicht nur diese vermeidbaren Toten, die irritieren, es ist auch die unvergleichliche dauerhafte Krankheitslast, die zu vermeiden den Kampf gegen Covid-19 und alle anderen Sepsisursachen lohnt.

          Ein Sechstel der vermeintlich genesenen Sepsis-Patienten lebt noch Jahre lang, viele bis ans Lebensende, mit körperlichen und psychischen Behinderungen. In einer Metaanalyse von mehr als fünfzig Studien wurde jüngst klar: Wer auf der Intensivstation lag und überlebte, dem droht, das eigene Leben auf den Kopf gestellt zu werden. Mehr als die Hälfte waren mehr als ein Jahr lang arbeitsunfähig. Bei Covid-19 dürfen sich selbst symptomarme Patienten nicht vor Folgeschäden sicher fühlen. Mehr als fünfzig Prozent der Sars-Überlebenden – der ersten, noch eingegrenzten Coronapandemie vor siebzehn Jahren – konnten auch zwei Jahre nach der Klinikentlassung nicht normal atmen und waren nicht mehr so leistungsfähig wie früher.

          Solche Schreckensszenarien von Spät- und Langzeitschäden verdichten sich im Falle von Covid-19, je mehr Evidenzen sich in den wissenschaftlichen Quellen anhäufen. Das wird auch Folgen haben für den Diskurs: In der Betrachtung der Sterbeziffern jedenfalls, die üblicherweise mit schiefen Grippevergleichen einhergehen, entsteht so ein unzulässiger medizinischer Dualismus, der weder das individuelle Leid noch das ganze Ausmaß der Tragödie ausreichend erfasst.

          Frankfurter Allgemeine Zeitung

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