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Verbreitung durch Aerosole : Etwas Virus liegt in der Luft

In der frischen Luft mit Abstand und Maske - keine Chance für das Virus. Bild: dpa

Das Coronavirus kann auch durch feuchte Aussprache und Atmung in Aerosolen übertragen werden. Nicht einfach und nicht immer, aber manchmal eben schon. Wie also umgehen mit letzten Zweifeln und dem Restrisiko?

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          Meinungsbildung ist der Prozess, so lassen naive Pandemie-Kommentatoren dieser Tage bei ihren Fernsehauftritten gelegentlich durchblicken, der Politikern vorbehalten bleibt. Virologen müssen sagen, was ist. Wenn Wissenschaftler also ganz selbstverständliche Sätze äußern wie „noch nicht abschließend geklärt“, freut sich der Politiker im Seuchenstressmodus nicht etwa über den Zugewinn an Entscheidungsfreiheit und Deutungsmacht, sondern er wird nervös. Wie denn nun, fragt dann der Politiker im Laien- und Richterton, und verbreitet unterschwellig Versagensvorwürfe.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          So geht das nun schon seit Wochen in der Frage, welche Rolle etwa Kinder in der Ausbreitung des neuen Coronavirus spielen, und so wiederholt sich das in einer entscheidenden anderen Ansteckungsfrage: Kann das Virus schon beim Sprechen und Atmen und damit viel leichter beispielsweise in Räumen übertragen werden, als man das anfangs glaubte?

          Wenn eine solche Möglichkeit wie der sprichwörtliche Elefant im Raum steht, die noch dazu den weitverbreiteten Lockerungsinteressen entgegenzustehen scheint, wird normalerweise das schwerste Geschütz der wissenschaftlichen Meinungsbildung in Anschlag gebracht: die Evidenz. Gibt es also Beweise für die Virusansteckung mit luftgängigen Aerosolen? Wohlgemerkt: nicht mit Tröpfchen. Dass diese beim Niesen und weniger beim Husten entstehenden schweren Tröpfchen in der infektiösen Phase genug Virus verbreiten, um andere anzustecken, ist unstrittig. Jede Gesundheitsbehörde der Welt hat das auf ihrer Risikoliste. Die kleineren, bis zu Tausendstelmillimeter winzigen Aerosole dagegen schienen weitgehend bedeutungslos. Eine „geringe Rolle“ spielen sie etwa für das Robert-Koch-Institut. Fehlt also die Evidenz für die Aerosolübertagung? Der Berliner Virologe Christian Drosten hat seine wissenschaftliche Meinung dazu jüngst neu gebildet: „Fast die Hälfte“ der Sars-CoV-2-Infektionen sei möglicherweise auf Aerosole zurückzuführen. Davor galten auch für ihn Aerosole ebenso wie Schmierinfektionen als zweitrangig. Die Evidenz verdichtet sich.

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          Infektiöse Aerosole, und das ist das Brisante daran, werden beim Hüsteln ausgestoßen, vor allem aber quasi im Dauerbetrieb beim Sprechen und Ausatmen und natürlich auch beim Schreien, Jubeln oder Singen. Indizien dafür gibt es schon lange. Beobachtungsstudien über Infektionsketten in der Gastronomie, in Bussen, auf Schiffen, auch hochrangig publizierte Tierversuche mit Frettchen und nun auch mit Hamstern sprechen für die prinzipielle Möglichkeit der Luftübertragung. Forscher der University of Pennsylvania sind nach Partikel-Lasermessungen von einer „substantiellen Wahrscheinlichkeit“ der Luftübertragung überzeugt, und das American Institute of Physics will nachgewiesen haben, dass die kleinsten Sekretpartikelchen je nach Wärme, Luftfeuchte und Luftverschmutzung mit Luftströmen leicht sechs Meter weit getragen werden. Ein Team um Martin Kriegel von der TU Berlin hat in „Bürosituationen“ mit vier Personen gezeigt, „dass gerade kleinere Partikel unter 50 Mikrometern sich ohne eine maschinelle Lüftung weit im Raum verbreiten und lange verweilen“.

          Doch von ebenjener Berliner Gruppe stammt auch mit Blick auf Sars-CoV-2 der Vermerk „noch nicht abschließend geklärt“. Roland Schulze-Röbbecke von der RWTH Aachen hat das mit zwei Kollegen in einem Artikel über Schutzmasken im Thieme-Journal „Krankenhaushygiene“ unterstrichen. Mundschutz hilft, und doch gebe es „keine ausreichenden wissenschaftlichen Belege, dass Coronaviren bei der Krankenversorgung aerogen übertragen werden“. Stellt sich die Frage: Was ist ausreichend? Auch Plausibilität ist ein Argument. Am Wochenende etwa hat die Münchener Gruppe, die die ersten 16 deutschen Corona-Fälle dokumentierte, in „Lancet Infectious Diseases“ die Auswertung der 241 Infiziertenkontakte vorgelegt und gezeigt: Infizierte müssen nicht erst husten oder niesen, um effizient das Virus zu übertragen. Die Heidelberger Global-Health-Forscherin Annelies Wilder-Smith fasst das so zusammen: „Ein enger und längerer Kontakt erhöht definitiv das Risiko einer Infektion, aber ein kürzerer Kontakt – zum Beispiel bei Busfahrern oder in Lebensmittelgeschäften – schließt eine Übertragung nicht aus.“

          Klar ist: Die Mikrokontexte, wann genau Aerosole das Virus übertragen können und infektiös bleiben, welche Mengen genau nötig sind oder in welcher Phase der Infektion das möglich ist – all das sind nicht abschließend geklärte Fragen. Auf die letzten Beweise mit kontrollierten Experimenten zu warten jedoch, daran erinnern chinesische und australische Aerosolforscher in der Zeitschrift „Environment International“, sei keine Entschuldigung: „Wir appellieren an die internationalen Behörden, die Realität anzuerkennen.“

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