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Pandemie und Politik : Lieber Losdonnern als langes Lernen

Gehen auch gerne ihren eigenen Weg: Die Ministerpräsidenten Kretschmann (r.) und Söder Bild: dpa

Politik und Virologie, das war eine quicklebendige Lerngruppe in den ersten Coronawochen. Jetzt wird es mühsam, der Ton rauh – und die Egos verlieren das Interesse am Wissen.

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          An den immer zahlreicheren Andeutungen, die Politiker wie Armin Laschet über zweifelnde Pandemieforscher machen, lassen sich ganz wunderbar die euphorischen und frustrierenden Seiten des Lernens studieren. Anfangs erklommen beide, Politiker wie Forscher, die Lernkurve Hand in Hand. Es ging steil nach oben.

          In dieser glücklichen Phase des schnellen Lernerfolgs wurden Fehler gemacht – und geduldet. Dann flachte die Kurve notgedrungen allmählich ab, das Lernplateau geriet in Sichtweite. Als endlich die fortgeschrittene Epidemiologie an die Reihe kam und sich mit der Debatte um Lockerungen aus der Isolation die Horizonte sicheren Wissens wieder entfernten, klinkte sich die Politik unbefriedigt aus.

          Null Bock auf den mühsamen Teil

          Seither dümpeln die Virologen und Epidemiologen unter dem Hagel von Vorwürfen etwas unschlüssig auf dem flachen Teil der Lernkurve und fragen sich, ob sich der Lernprozess der Politik nur zufällig auf der gleichen Lernkurve bewegt hat – entweder weil der Lernende nur glaubt, etwas gelernt zu haben, oder weil die Politik einfach null Bock mehr auf den mühsamen Teil des Lernens hat.

          Eine dritte mögliche Erklärung, die auch der Erstbeschreiber der Lernkurve, Hermann Ebbinghaus, Gott hab ihn selig, nicht auf der Rechnung hatte, ergibt sich aus einer Bemerkung des Weltärztepräsidenten Frank Ulrich Montgomery über das Maskentragen. Maskenpflicht sei „wissenschaftlicher Unsinn“, sagt er, jedenfalls dann, wenn nicht die klinisch bewährten FFP2-Masken gemeint seien. Was aber meint er mit „wissenschaftlichem Unsinn“? Einerseits könnte es Unsinn sein, der von Wissenschaftlern verzapft wird, oder aber es ist Unsinn, der gesichertem Wissen diametral widerspricht. Da wir in den weltweit angesehensten Medizinjournalen inzwischen Anleitungen zum Tragen jedweder Maske, auch der provisorischen Textilmasken, finden, können wir das Zweite ausschließen.

          Weil überdies auch genügend Evidenzen zum Tragen des Mundschutzes vorliegen, das Unsinnverzapfen von Wissenschaftlern also gar nicht gemeint sein kann, bliebe als Erklärung für den Gebrauch des Begriffs wissenschaftlicher Unsinn eine besondere Variante der Lernkurven-Theorie: Ist es denkbar, dass die ansteigende Linie der Lernkurve, die eigentlich einen stetig aufbauenden Prozess beschreibt, bei vielen am Ende doch wieder ins Bodenlose abfällt? Dann nämlich, wenn das Ego das Interesse am Wissen verloren hat und ihm nicht mehr nützt. Das würde jedenfalls die undankbaren politischen Reaktionen auf den Beistand der Experten erklären.

          Joachim Müller-Jung
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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