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Reaktion auf Sars-CoV2-Mutante : Die große Sorge vor der Virus-Variante

Reisende mit Mund-Nasen-Bedeckungen warten im Bahnhof St. Pancras in London in einer Schlange, um den letzten Zug nach Paris zu nehmen Bild: dpa

Als ginge alles von vorne los: Die Reaktionen auf die Bekanntmachung einer ungewöhnlichen Virus-Variante in Südengland haben etwas von Panik. Doch auch der Anschein von Orientierungslosigkeit hat der Corona-Politik bisher nicht geholfen.

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          Was denn noch? Was soll denn noch passieren, so muss nach den zähneklappernden, ja panischen Reaktionen auf die Virus-Mutante VUI-202012/01 gefragt werden, dass die Welt eine gesunde Balance findet zwischen den Extremen. Keinem hilft Hysterie, aber verharmlosen bringt noch weit weniger. Am wenigsten den am stärksten Gefährdeten. Die Gefahr ist nicht erst mit der neuen Variante in die Welt gekommen. Und die Gefahr ist nicht aus der Welt, weil die Regierungen mit Flugverboten und Grenzschließungen reagieren.

          Nach allem, was an epidemiologischen Daten vorliegt, kursiert die in Südengland erstmals aufgefallene Mutante des Coronavirus, bereits seit Monaten. Sie ist erst jetzt aufgefallen, weil Großbritannien – anders als die meisten anderen Staaten inklusive Deutschland – ein effektives Netzwerk für die genetische Erfassung von Sars-CoV-2-Isolaten aus Patientenproben aufgebaut hat. Wer nicht hinsieht, findet nichts, diese Lehre wird nach den langen Debatten um Virustests und Fallzahlen jedem einleuchten. Für eine „koordinierte europäische“ Reaktion wäre das schon mal ein guter Ansatz. Was dieses Forschernetz bisher an Informationen zur Mutante liefert, ist einiges – aber insgesamt noch zu wenig und unsicher. „Moderates Vertrauen“ gebe es in die eigene Einschätzung, so kommunizierten die Wissenschaftler ihre bisherigen Erkenntnisse an die britische Regierung, die eine eigene Taskforce eingerichtet und die Weltgesundheitsorganisation informiert hat.

          Diese mehr als ein Dutzend Veränderungen könnten systemrelevant sein

          Was aber heißt das: moderates Vertrauen? Es heißt, dass die bis jetzt vorliegenden Befunde unvollständig sind und die für eine abschließende Sicherheitsbewertung nötigen Daten noch fehlen. Klar ist: Eine solche Mutante mit vielen unterschiedlichen Mutationen, ausgerechnet auf dem für die Infektion entscheidenden Spike-Protein, ist ungewöhnlich – und auch ernst zu nehmen. Anders gesagt: Diese mehr als ein Dutzend Veränderungen könnten systemrelevant sein. In einigen Experimenten haben diese Veränderungen schon gezeigt, dass das Wachstum in der Zellkultur und damit die Vermehrung des Virus erhöht wird. Die Mutante vermehrt sich offenbar schneller im künstlichen System eines Labors und produziert mehr Viruspartikel. Gleichzeitig enthält die Mutante auch „abschwächende“ Merkmale, die die Bindungsfähigkeit des Virus an menschliche Zellen beeinträchtigen könnten.

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          Ob sie das wirklich tun, oder ob andererseits die verstärkenden Eigenschaften dafür verantwortlich sind, dass diese Variante in Südengland tatsächlich seit einigen Wochen die anderen Varianten verdrängt und sich ausbreitet – all das lässt sich bisher nicht sicher ableiten aus den vorliegenden Daten. Das müssen die Forschungsarbeiten in den kommenden Tagen und Wochen zeigen. Unklarheit herrscht auch mit Blick auf die aktuelle Lage: Die Beobachtung, dass sich das Virus in einem ohnehin starken Infektionsgeschehen rund um London durchsetzt, halten die Virologen einerseits für bedenklich. Andererseits scheint das Virus schon monatelang zu kursieren, und niemandem war eine sprunghafte Veränderung aufgefallen – auch den britischen Covid-19-Genomforschern nicht.

          Klar scheint zweierlei: Es gibt keine Hinweise, auch keine molekularbiologischen oder klinischen, dass diese Variante für mehr schwere Krankheitsverläufe verantwortlich ist. Und die Mutationen dürften mit sehr großer Wahrscheinlichkeit auch die Wirkung der Impfungen nicht beeinträchtigen, auch wenn die Mutationen an sensiblen Stellen des Virusbauplans liegen. Das menschliche Immunsystem ist polyvalent – die Impfung gibt nur den Anstoß, dass der Körper vielerlei Antikörper und Immunzellen produziert, die gegen ganz unterschiedliche Stellen des Virus angreifen.

          Von einem gefährlichen „neuen“ Virus auszugehen, führt also in die Irre. Es ist sprachlich und mit Blick auf die Neuheit irreführend, es ist aber auch psychologisch kontraproduktiv: Mit der Vorstellung, jetzt müsse der europäische Fokus auf die neue Variante gelenkt werden, um die größte Gefahr zu bannen, könnte der Kampf gegen die Pandemie erst recht eine Schlagseite bekommen. Die Angsttoleranz vieler Menschen ist inzwischen eine knappe Ressource, und das gilt, solange die Impfstoffe nicht in ausreichender Menge zur Verfügung stehen, auch für die Instrumente, die uns zur Eindämmung der Viren zur Verfügung stehen.

          Wer nicht riskieren möchte, dass Erschöpfung und Misstrauen dieses begrenzte Arsenal weiter erodieren, der kann nur an einem interessiert sein: Dass die Infektionszahlen auf ein Maß gesenkt werden, die verhindern, dass sich die Viren in den kommenden Monaten weiter unkontrolliert ausbreiten. Nur diese Maßnahme, zusammen mit einer funktionierenden Überwachung des Infektionsgeschehens, schützen seriös vor gefährlichen Mutanten: Wird die Zahl der Viren radikal eingegrenzt, gibt man auch dem Erreger weniger Möglichkeiten, neue unberechenbare Varianten zu bilden. 

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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