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Freiburger Ausbruch in Kita : Ein Epizentrum des Testchaos

  • -Aktualisiert am

Kurz nach dem Ausbruch in der Kita Immergrün in Freiburg. Bild: dpa

Die britische Corona-Variante hat Ende Januar in Freiburg Ausbrüche in einer Kita und einer Schule verursacht. Danach wurde deutlich, wie fahrlässig bisher im ganzen Land mit den Test-Möglichkeiten umgegangen wird.

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          Niemand hatte im beschaulichen Freiburg mit der britischen Virusvariante gerechnet und so war die Überraschung groß, als Ende Januar bekannt wurde, dass B.1.1.7 für den Ausbruch in einer Kita verantwortlich war: 10 Kinder und 14 Erwachsene hatten sich infiziert. Der Ausbruch schlug politisch hohe Wellen, denn die für Anfang Februar angekündigte Öffnung der Kitas und Grundschulen in Baden Württemberg wurde daraufhin vertagt.

          Dann begann die infektiologische Aufarbeitung. Die Geschichte war also nicht vorbei, sondern zeigt nun im Nachgang die Schwächen einer fehlenden, klar strukturierten Teststrategie auf. Bis heute gehen 56 Fälle auf diesen Ausbruch zurück, bei 37 wurde die britische Virusvariante nachgewiesen. Bei einem Teil der Isolate war keine Sequenzierung mehr möglich. Als bei zwei Kindern der benachbarten Grundschule B.1.1.7 nachgewiesen wird – etwa zehn Grundschulkinder besuchen nachmittags regelmäßig den Kita-Hort - setzt sich die Schulleiterin Petra Himmelspach dafür ein, dass alle notbetreuten Grundschulkinder, 80 an der Zahl, getestet werden können.

          „Mir wurde gesagt, die Schnelltests seien zu teuer“

          Das Gesundheitsamt hätte jedoch abgelehnt und sich auf die Teststrategie Baden-Württembergs berufen, die nur die Testung von Kontaktpersonen vorsieht. Laut einem Bericht der „Badischen Zeitung“ sagt das Gesundheitsamt die Testung aller Grundschulkinder auf Nachfrage der BZ jedoch zu - um einige Tage später abermals einen Rückzieher zu machen: „Mir wurde gesagt, die Schnelltests seien zu teuer“, so Himmelspach. (Sie sind online für rund sieben Euro erhältlich.)

          Das Freiburger Gesundheitsamt stellt die Situation auf Nachfrage dieser Zeitung anders dar: Aufgrund der Ausbruchssituation hätten sich auch jene Kinder testen lassen können, die nicht zu den Kontaktpersonen gezählt hätten. Es sei nicht nachvollziehbar und umso mehr bedauerlich, dass es bei den Betroffenen zu dem Eindruck kommen konnte, weitere Tests seien nicht möglich gewesen.

          „Der Vorfall zeigt vor allem eines“, sagt Hartmut Hengel, Virologe am Universitätsklinikum Freiburg, „es fehlt eine klare, übergeordnete Teststrategie für Kitas und Schulen, die solche Missverständnisse verhindert.“ Erst am Montag hatte Bundesbildungsministerin Anja Karliczek eine neue S3-Leitlinie zur sicheren Öffnung der Schulen vorgelegt. „Man kann über Schulöffnungen reden, aber dafür braucht es ein klares Testkonzept, das ist das A und O, und ausgerechnet das fehlt in der Leitlinie“, kritisiert Hengel. Das sei jetzt, da die ansteckendere B.1.1.7-Mutation das Infektionsgeschehen gerade übernehme, umso wichtiger.

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          Zwar sieht die nationale Teststrategie weitreichende Testansprüche vor: Bereits bei der Feststellung einer mit Sars-CoV-2 infizierten Person in einer Schule oder Kindertageseinrichtung gibt es für asymptomatische Personen, die dort betreut oder tätig sind, einen Testanspruch – unabhängig von der Virusvariante. „Eine Kategorisierung der Kontakte ist nicht erforderlich“, sagt die Pressesprecherin Claudia Krüger vom Sozialministerium Baden-Württemberg. Die Umsetzung unterscheidet sich aber zwischen den Bundesländern und von Schule zu Schule, weil Gesundheitsämter im Rahmen des Infektionsschutzgesetzes einen großen Ermessensspielraum haben.  

          So klagen zahlreiche Eltern und auch Lehrkräfte in den sozialen Medien vor allem über zu wenige Tests bei Kindern und ein Gefühl der Unsicherheit. Das Wirrwarr setzt sich bei Maske- und Quarantäne-Regeln fort.

          Um den Alltag an Kitas und Schulen zu meistern, rücken nun die Schnelltests in den Fokus. So wünscht sich Himmelspach für die Zukunft eine Teststrategie nach dem österreichischen Modell: „Die Kinder sollten zwei Mal die Woche getestet werden, im Idealfall in der Schule.“ In Österreich kommen dafür Schnelltests zum Einsatz, die einen Rachenabstrich unnötig machen. Hengel hält das für einen gangbaren Weg, betont aber, dass auch die Meldepflicht der Ergebnisse von Schnelltests umgesetzt werden müsste. Andernfalls bestehe das Risiko, dass man die Kontrolle über das Infektionsgeschehen verliere. „Testen ist kein Privatvergnügen.“

          Derweil zeichnet sich in Baden-Württemberg eine Veränderung der Teststrategie ab: Vergangene Woche einigte sich die Landesregierung auf mehr Corona-Tests an Kitas und Schulen: So können sich Lehrkräfte, die in Präsenz arbeiten, zwei Mal die Woche per Schnelltest testen lassen – bis Ostern. Was mit den Schüler und Schülerinnen geschieht, ist noch nicht bekannt.

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