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Neue Leopoldina-Empfehlungen : Vier besinnlich-harte Wochen im Lockdown

Maskenpflicht in Innenstädten wie hier in Leipzig Bild: dpa

Die Nationalakademie Leopoldina beklagt die vielen Toten und fordert eine Wende bei den Corona-Maßnahmen. In einer neuen Stellungnahme rät sie zu tiefen Einschnitten auch in der Wirtschaft. Das öffentliche Leben müsse ruhen – Start sollte am 14. Dezember mit der Schließung der Schulen sein.

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          Experiment abbrechen, der Lockdown light soll vom harten Lockdown abgelöst werden – und zwar bundesweit. Nur so, meint die Nationalakademie Leopoldina, könnte wieder die Kontrolle über das Infektionsgeschehen im Land zurück erlangt werden. Ausnahmen an den Feiertagen? Unmöglich, so die Meinung der Experten. Damit schließt sich die in der Beratung der Bundesregierung federführende Spitzenorganisation der Wissenschaften den Forderungen einiger Ministerpräsidenten nach drastisch verschärften Corona-Maßnahmen an. In der 34-köpfigen Arbeitsgruppe waren neben Medizinern und Naturwissenschaftlern auch Sozialwissenschaftler, Ethiker, Ökonomen und Juristen vertreten. Ihre sechsseitige Adhoc-Stellungnahme mit dem Titel „Coronavirus-Pandemie: Die Feiertage und den Jahreswechsel für einen harten Lockdown nutzen“ enthält zahlreiche sehr konkrete Vorschläge, die sowohl die Wirtschaft als auch die gesellschaftlichen Kontakte auf ein Minimum reduzieren würde.

          Joachim Müller-Jung
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Gefordert werden auch drastische Einschränkungen, die bisher verschonte Wirtschaftssektoren und allen Schulen treffen würden. Dabei schlägt die Leopoldina ein zweistufiges Vorgehen vor, beginnend mit den Schulschließungen schon am 14. Dezember. Von dem Tag an sollte die Schulpflicht aufgehoben und Arbeitnehmer „nachdrücklich zur Arbeit im Homeoffice aufgefordert“ werden. Die Schulferien sollen bis zum 10. Januar gelten. Soziale Kontakte sollten auf einen sehr eng begrenzten Kreis reduziert werden. Auch bisher schon geregelte Bereiche sollen dann noch konsequenter heruntergefahren werden: „Alle Gruppenaktivitäten im Bereich Sport und Kultur müssen eingestellt werden“ und „wo immer möglich, sollten digitale Möglichkeiten anstelle von Präsenzangeboten genutzt werden.“

          Von Heiligabend an, dem 24. Dezember, bis zum 10. Januar sollten zusätzlich alle Geschäfte schließen, die nicht der Versorgung mit Lebensmitteln, Medikamenten und anderen lebensnotwendigen Waren dienen. Das öffentliche Leben in Deutschland sollte nach dem Willen der Akademie in den zweieinhalb Wochen weitgehend zum Erliegen kommen. Von einem „verschärften Lockdown“ ist in dem Leopoldina-Papier die Rede. Urlaubsreisen und „größere Zusammenkünfte“ sollten während der gesamten 18 Tage „vollständig unterbleiben, soziale Kontakte außerhalb des eigenen Haushaltes auf ein Minimum reduziert werden“.

          Vorbild für den verschärften Lockdown sind Länder wie Irland und Belgien, die die Zahl der Neuansteckungen durch die nationalen Corona-Maßnahmen sehr viel schneller verringern konnten als Deutschland mit seinem Teil-Lockdown bisher. In Deutschland gelang es während des ersten Lockdowns im Frühjahr die Kontakte um etwa 63 Prozent zu reduzieren. Im derzeitigen Teil-Lockdown sind sie nur um rund 43 Prozent zurückgegangen. Gleichzeitig sei die Zahl der Covid-19-Opfer weiter gestiegen. In den vergangenen sieben Tagen starben mehr Menschen mit dem Coronavirus als im gesamten Jahr 2019 im Straßenverkehr, beklagt die Leopoldina-Arbeitsgruppe.

          Die Krankenhäuser und insbesondere das medizinische Personal seien bereits an der Grenze des Leistbaren. Für eine Dauerbelastung auf diesem Niveau seien das Gesundheitssystem und auch die großen Kliniken nicht eingerichtet, ebenso wenig wie die Gesundheitsämter.

          Ohne einen verschärften Lockdown in der Weihnachtspause besteht nach Ansicht der Leopoldina die Gefahr, dass der aktuelle Teil-Lockdown mit seinen Beschränkungen für Monate aufrechterhalten werden muss. „Dies würde neben ausfallender Wertschöpfung auch zu hoher Belastung der öffentlichen Haushalte führen, weil die geschlossenen Unternehmen Überbrückungshilfen benötigen.“ Als epidemiologisches Ziel des Lockdowns wird angegeben, die Reproduktionszahl zu drücken und im Bereich 0,7-0,8 anzustreben. Gestern lag sie knapp über eins.

          Langfristige Strategie

          Schon jetzt müssen den Wissenschaftlern zufolge darüber hinaus über Regelungen für die die Zeit nach dem Lockdown nachgedacht werden. Offensichtlich wünschen sich die Leopoldina-Experten eine berechenbarere Corona-Politik. „Von zentraler Bedeutung“ sei deshalb eine langfristige politische Einigung auf „ein klares, mehrstufiges und bundesweit einheitliches System von Regeln, die ab einer bestimmten Anzahl von Fällen pro 100.000 Einwohner greifen. Dieser Katalog sollte verlässlich Maßnahmen vorsehen, die konsequent um- und mit Sanktionen durchgesetzt werden“.

          Und auch die Schulen sollen bundesweit klare Perspektiven erhalten: „Für den Wiederbeginn des Unterrichts nach den Weihnachtsferien sollte in allen Bundesländern das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes im Unterricht für alle Jahrgangsstufen verpflichtend sein. Darüber hinaus sollten ländereinheitliche Regeln für den Wechselunterricht ab der Sekundarstufe erarbeitet werden, die ab einer bestimmten Inzidenz greifen. Wichtig ist, dass für die Kinder, die in der häuslichen Lernumgebung nicht lernen können, alternative Orte für die Distanzphasen angeboten werden.“

          Zudem soll dafür gesorgt werden, dass die Funktionalität der Corona-Warn-App erweitert wird. Die Leopoldina lässt in ihrer Adhoc-Stellungnahme erkennen, dass sie nicht nur unterschiedliche  Regelungen zwischen den Ländern für nicht nachvollziehbar hält – etwas, das sie schon in früheren Stellungnahmen beklagt hatte. Mit dem verschärften Feiertagslockdown hofft sie auch auf eine bessere Planbarkeit für alle Bürger bundesweit – und nach einheitlichen Regeln. Mit Blick auf die Querdenker-Bewegung, appelliert die Akademie zudem an den gesellschaftlichen Zusammenhalt: „Es gilt, entschlossen und solidarisch zu handeln.“

          Einpacken in die verlängerten Ferien: Ab 14. Dezember sollen die Schulen geschlossen werden.
          Einpacken in die verlängerten Ferien: Ab 14. Dezember sollen die Schulen geschlossen werden. : Bild: dpa

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