https://www.faz.net/-gwz-a3ovh

Corona in Deutschland : „Über Monate so konstante Werte, das ist eigentümlich“

Das klingt, als könnte ein Funke ausreichen, die Ausbreitung des Virus auszulösen?

Genauso ist es. Das wird wieder am besten durch meine Analogie des Schwelbrandes beschrieben. Stellen Sie sich vor, sie leben in einem Haus, haben gerade ihren Brand gelöscht und neunzig Prozent der Einrichtung wurde gerettet, aber jetzt wissen Sie, dass es seit sechs Monaten kokelt. Sie riechen es, und es hört auch nicht auf. Wir sind gegenwärtig in einer Situation, in der es etwas stärker nach Brand riecht. Und wir wissen im Grunde, dass es nur ein bisschen in eine Richtung kippen muss, damit das Feuer wieder losgeht.

Von welchen Gruppen in der Bevölkerung geht das größte Risiko aus?

Es kommt in den kommenden Monaten sehr darauf an, wie sich die Leute in Innenräumen verhalten. Wenn jetzt tendenziell mehr in Räumen stattfindet, wo sich viele Menschen aufhalten, dann verringern sich automatisch die Abstände und die Übertragungswahrscheinlichkeit wird erhöht. Das ist unabhängig von den Altersgruppen und eher kontextbezogen.

Ist das Konzept in dem Leopoldina-Papier, sogenannte Eskalationsstufen einzurichten, mit den Berechnungen zu rechtfertigen, die sie als Modellierer vorgelegt haben?

Die Idee der Eskalationsstufen ist, dass man eine Grobstrukturierung mit Zahlen vornimmt, damit man weiß, wann welche Entscheidung getroffen  wird. Dabei geht es nicht ausschließlich darum, bei so und so vielen Neuinfektionen pro hunderttausend Einwohnern dies oder jenes zu machen. Solche Gruppierungen dienen auch dazu, dass man nicht jedes Mal neu bei Erreichen von Schwellenwerten diskutieren muss, was man als nächstes machen sollte.

An welchen Zahlenwerten sollte man sich da orientieren, tatsächlich wie bisher an den Neuinfektionen pro hunderttausend Einwohnern?

Ich plädiere dafür, sich mehr als eine Variable anzusehen. Die wichtigste ist sicherlich die Zahl der Neuinfektionen pro Tag pro hunderttausend Einwohnern. Aber es ist wichtig, sich auch die zeitlichen Verläufe verstärkt anzusehen. Wir müssen die Beschleunigung mit berücksichtigen. Aus der Dynamik kann man viel herauslesen, das ist in den Naturwissenschaften ein sehr gebräuchliches Vorgehen.

Viele kritisieren, dass jetzt wegen Appellen wie der der Leopoldina vorauseilend zu stark einschränkende Maßnahmen beschlossen werden könnten. Ist das System  mit solchen Eskalationsstufen flexibel genug, um vielleicht doch künftig kurzfristiger zu reagieren?

Vorausschauend zu handeln ist ja erst einmal nicht dumm. Niemand von uns will das Heft an sich reißen. Wir wollen alle mithelfen mit dem, was wir wissen und können, und dafür sorgen, dass kluge Entscheidungen getroffen werden. Das Schwelbrand-Bild trifft es eben sehr gut. Niemand käme auf die Idee, wenn in seinem Haus ein Schwelbrand ist, dass er sich hinstellt und sagt, das ist halt mal so. Und deshalb wird er sich auch nicht in die Ecke setzen und Däumchen drehen. Das hier ist immer noch eine Pandemie, es gibt keine Herdenimmunität, und deshalb kann sich das Virus auch noch sehr gut in der Population ausbreiten, wenn man dem Virus die Gelegenheit dazu gibt.

Weitere Themen

Die Pandemie im Überblick

Zahlen zum Coronavirus : Die Pandemie im Überblick

Das Coronavirus bestimmt weiterhin über unseren Alltag. Die Infektionszahlen ziehen deutlich an, noch immer sind viele in Deutschland nicht geimpft. Wie sich das Virus im In- und Ausland verbreitet – unsere Karten und Diagramme geben einen Überblick.

Topmeldungen

Kölner Parallelwelt: Volle Ränge beim Spitzenspiel gegen Mönchengladbach

Volles Stadion in Corona-Krise : Bundesliga-Spitzenspiel in Absurdistan

Empörung und Fassungslosigkeit vieler Menschen beim Blick auf das volle Stadion in Köln sind verständlich. Aber allein der Bundesliga dieses groteske Bild vorzuwerfen, wäre zu leicht.

Tod von Virgil Abloh : Er entwarf sogar sein Leben

Virgil Abloh, einer der wichtigsten Modemacher seiner Generation, ist im Alter von 41 Jahren an Krebs gestorben. Fasziniert hat ihn das Dazwischen von mehreren Welten. Sein Label macht Mode, die man nicht zuordnen kann.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.