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Bilanz der Pandemie für 2020 : Covid-19 kostete mehr als 300.000 Lebensjahre in Deutschland

Feuerbestattung eines Covid-19-Opfers im Krematorium Celle. Bild: dpa

Die erste Zahlenbilanz der Pandemie-Opfer im Land: Jeder durch Covid-19 verstorbene Mensch verlor 2020 im Schnitt 9,6 Lebensjahre. Männer trifft es deutlich härter. Und noch sind Spätfolgen nicht erfasst.

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          Lebenszeit und Lebensqualität haben im ersten Pandemiejahr in Deutschland trotz Lockdown und verschärfter Schutzmaßnahmen über viele Monate erheblich gelitten: 305.641 Lebensjahre, sogenannte „Disability-adjusted life years“ (DALY), sind statistisch gesehen bei Männern und Frauen verloren gegangen. Im Durchschnitt sind das 11 Lebensjahre bei Männern und 8 Lebensjahre bei Frauen. Dies geht aus der ersten zahlenmäßigen Bilanz der durch Tod und Krankheit verlorenen Lebensjahre, die von der „Burden-Studiengruppe“ des Robert-Koch-Instituts und des Bundesumweltamtes jährlich zusammengestellt wird und seit heute im „Deutschen Ärztebatt“ publiziert ist.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          In dieser Bilanz wird die Krankheitslast auch mit anderen häufigen Leiden verglichen. Die durchschnittlich 9,6 Lebensjahre, die eine im vorigen Jahr durch Covid-19 verstorbene Person verloren hat, liegen über den Lebensjahresverlusten durch andere Atemwegsinfektionen (einschließlich der Grippe), aber auf das ganze Jahr bezogen unter den klassischer Todesursachen wie Darm- oder Lungenkrebs, ischämische Herzerkrankungen oder Schlaganfall. Mit der ab Oktober deutlich steigenden Zahl an Covid-Todesfällen wurde bis zum Ende des Jahres allerdings auch die Krankheitslast dieser klassischen Volkskrankheiten sukzessive überschritten. Seit Anfang Dezember gehen im Land mehr Lebensjahre durch Covid-19 verloren als durch Herzleiden, die Todesursache Nummer eins.

          Die entscheidende Kennzahl DALY spiegelt Lebensjahre wider, die Menschen durch den Tod aber auch durch krankheitsbedingte Einschränkungen (Morbidität) verlieren. Diese Krankheitsfolgen sind allerdings unvollständig registriert, weil die Spätfolgen von Covid-19 noch nicht umfassend genug beschrieben und diagnostisch auch unvollständig erfasst werden. Deshalb ergeben sich 99,3 Prozent (oder 303.608) der verlorenen Lebensjahre aus den Covid-19-Todesfällen im ganzen Jahr. Berechnet werden die verlorenen Lebensjahre als Summe der statistischen Restlebenserwartung aller Verstorbenen in Jahren, und sie werden jeweils einzelnen Todesursachen zugeschrieben.

          Dazu werden der Forschergruppe um Alexander Rommel zufolge die Meldedaten ausgewertet – und zwar neben Datum, Alter und Geschlecht auch die Information, ob „Covid19 im Fall des jeweils Verstorbenen maßgeblich zum Tod beigetragen hat oder ob der Tod hauptsächlich auf andere Todesursachen zurückzuführen ist“.  Man hat also wie in den „Global Burden“-Analysen üblich die Todesursache möglichst genau zu erfassen versucht, stößt natürlich aber da in bestimmten Fällen an Grenzen, die von der Erstellung des Todesscheins durch den Arzt abhängen und der Vollständigkeit der Diagnosen. Was diese Lücken betrifft, geht es den Covid-19-Analysten allerdings nicht anders als bei jeder anderen Krankheit. Um eine Überschätzung zu vermeiden, so die Studienautoren, „wurden nur Sterbefälle einbezogen, bei denen Covid-19 als Ursache übermittelt wurde“.

          Was die Verteilung der Krankheitslast angeht, gibt es ein klares Muster: Männer sind überwiegend betroffen. Über die Ursachen dafür gibt es einige Theorien, vermutlich spielen immunologische Reaktionen nach der Sars-CoV-2-Infektion eine Hauptrolle. Von den schätzungsweise mehr als 303.000 Todesfällen entfallen 60 Prozent (182.494) auf Männer. Sie erkranken bereits mit Beginn des fünfzigsten Lebensjahres und bis zum Alter von achtzig Jahren deutlich häufiger als Frauen. 35 Prozent der durch Tod verlorenen Lebensjahre entfallen bei Männern auf Personen unter 70 Jahre, bei Frauen sind es 20 Prozent.

          Insgesamt wird festgestellt, dass sich  Frauen etwas häufiger infizieren, Männer aber häufiger bereits in jüngerem Alter schwer erkranken.

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