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Schnelle Immunität : Der Impfstoff Ihres Vertrauens?

Die mRNA-Vakzine von Biontech/Pfizer Bild: EPA

Die mRNA-Impfstoffe schreiben Geschichte. Um die Akzeptanz aber muss gerungen werden, sie bröckelt in vielen Ländern. Ohne die Aufrechterhaltung der Corona-Regeln geht es noch lange nicht.

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          Es ist kein Zufall, dass die ersten Erfolge der neuen mRNA-Impfstoffe in der Pandemie nun immer wieder in einem Atemzug mit der Masern-Impfung und der historischen Kampagne zur Ausrottung der Pocken genannt werden – auch wenn die neuen Impfstoffe selbst völlig anders erzeugt werden und funktionieren. Mit 95 Prozent Wirksamkeit sind die mRNA-Vakzinen offensichtlich fast so effektiv wie die Masern-Vakzinen, und was die Pocken angeht, brachte die Wirkung der damaligen Reihenimpfungen vielerorts die schnelle Wende, wie man sie sich heute herbeisehnt. Dreihundert Millionen Menschen waren allein im zwanzigsten Jahrhundert den Pocken zum Opfer gefallen. Bis eben zu jenen sechziger und siebziger Jahren, an die sich noch heute viele erinnern und in denen sich mit dem Pieks eine medizinische Revolution vollzog, eine globale Befreiung.

          Die Hoffnung heute ist, dass die Menschen sich daran erinnern mögen. Viele von damals sind heute in der Verantwortung, als Eltern, Tanten, Lehrer oder Großeltern. Aber viele von ihnen fürchten auch genau das: die Erinnerung daran. Pocken-Impfung war damals Pflicht, die Masern-Impfung ist es nach vielen Jahren geworden. Die Covid-19-Impfung wird keine Pflichtimpfung, das haben die Verantwortlichen in der Politik – übrigens fast weltweit – immer wieder betont. Aber klar ist auch: Der Erfolg der Corona-Vakzinen im Kampf gegen die Pandemie und ihre schrecklichen Folgen hängt auch davon ab, wie viele Menschen sich impfen lassen. 95 Prozent Wirksamkeit schrumpfen schnell, wenn das Vertrauen in den Impfstoff schwindet. Es ist deshalb sicher kein Zufall, wenn Corona-Autoritäten wie der amerikanische Immunologe Anthony Fauci um genau diese bröckelnde Front fürchten und wenn sie wie er in diesen Tagen von den Vakzinen als Kavallerie gegen das Virus sprechen: „Die Hilfe ist unterwegs“, sagte Fauci.

          Ohne den Menschen erreicht man mit Technik nicht viel

          Durchhalten und nicht nachlassen mit den Corona-Maßnahmen. Durchhalten auch, weil die Fragen – gerade wegen der schnellen Erfolge der ersten Impfstoffe – bohrender werden: Warum ging das alles so schnell? Sind die Vakzinen wirklich sicher? Wird die mRNA, die genetische Kopiervorlage für das Viren-Antigen, in mein Genom eingebaut? Natürlich nicht, lautet die richtige Antwort. Die RNA erreicht gar nicht das Innere des Zellkerns mit unserer DNA, und die Zulassungsstudien für die mRNA-Vakzinen sind nach allem, was man weiß, mit der nötigen Sorgfalt geplant und durchgeführt worden. Sensationell schnell ging das, sicher, aber eben genau das erlaubt auch das neue mRNA-Verfahren. Wahrscheinlich bringt es einen der wichtigsten, größten und zukunftsträchtigsten Medizinfortschritte der Gegenwart.

          Die Technik ist das eine, aber mit ihr erreicht man nicht viel ohne den Menschen. Sie bleibt in ihrer Wirkung marginal, darauf verweist etwa der Soziologe Harald Welzer, wenn die Gesellschaft nicht aufnahmebereit ist. Seitdem die frohen Botschaften von den Covid-19-Impfstoffen publik sind, hat sich die Einstellung zur Corona-Impfung fast nirgendwo verbessert. Im Gegenteil, sie bröckelt. In Deutschland sind laut einer in fünfzehn Ländern vorgenommenen Umfrage von „Ipsos“ und Weltwirtschaftsforum immerhin zwei Drittel sicher oder wahrscheinlich bereit, sich impfen zu lassen. Jeder Siebte lehnt die Impfung klar ab. Runter ging die Akzeptanz seit Sommer in 12 von 15 Staaten: in Spanien (minus acht Prozent) besonders stark, auch in Australien (minus neun Prozent). Und in den Vereinigten Staaten und Frankreich dümpelt die Impfbereitschaft bei knapp fünfzig Prozent.

          Impfstoffe drohen immer wieder Opfer ihres eigenen Erfolgs zu werden. Im Fall der Masern ist das gut zu beobachten, und auch in der Corona-Ära droht dieses Schicksal. Menschen vergessen zu schnell, wenn das Gefühl der Bedrohung schwindet. Könnte es also sein, dass die Aussicht auf den Covid-19-Impfstoff, der sich für die meisten allerdings erst in vielen Monaten realisieren lässt, die Pandemiebekämpfung sogar beeinträchtigt? Eines ist klar: Nachlässigkeit wird nicht belohnt, das lässt sich in dieser zweiten Welle zweifelsfrei sagen.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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