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Abgebrochene klinische Studien : Miserables Zeugnis für die deutsche Corona-Forschung

  • -Aktualisiert am

Eine Pflegerin kümmert sich um einen COVID-19-Patienten auf der Intensivstation im Universitätsklinikum in Essen. Bild: AFP

Verzagt, versagt, verloren: Deutschlands klinische Forschung zu Corona war im ersten Jahr offenbar ein einziges Desaster. Das legt eine Studie zur Forschungsbilanz nahe.

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          Um die Corona-Pandemie zu beenden und daraus Lehren für die Zukunft zu ziehen, sind solide wissenschaftliche Studien unerlässlich. Dies umso mehr, als die vielen pseudowissenschaftlichen Beiträge für erhebliche Verwirrung sorgen und den evidenzbasierten Erkenntnisgewinn untergraben. Die Voraussetzungen für wissenschaftliche Studien sind zugleich ideal, jedenfalls was die Zahl der potentiellen Probanden angeht. So haben sich allein in Deutschland bisher mehr als vier Millionen Menschen nachweislich mit Sars-CoV-2 angesteckt und mehr als 170.000 der Infizierten wurden im Krankenhaus versorgt.

          Während aber die klinische Forschung an Corona in anderen Nationen vorankommt, fristet sie hierzulande ein Mauerblümchendasein. Besonders unrühmlich: Im gesamten ersten Jahr der Pandemie wurden hierzulande mehrere kontrollierte Studien mit Patienten auf den Weg gebracht, jedoch nur eine Minderheit von ihnen erfolgreich weitergeführt oder abgeschlossen. Zu diesem wenig schmeichelhaften Resultat kommen Forscher aus der Schweiz und Deutschland nach eingehender Analyse der einschlägigen Studien-Datenbanken.

          Wie das Team um Lars Hemkens vom Department of Clinical Research des Universitätsspitals Basel und des Berlin Institute of Health in einem noch nicht begutachteten Artikel im Preprint-Journal F1000Research berichtet, wurden weltweit im Jahr 2020 rund 3000 Corona-Studien mit evidenzbasiertem Protokoll registriert. Darunter befanden sich 65, die in Deutschland oder mit deutscher Beteiligung vorgenommen werden sollten. Alle 65 Forschungsvorhaben verfolgten das Ziel, eine neue Therapie oder einen Impfstoff gegen die Covid-19-Erkrankung zu finden. Dagegen gab es keine Untersuchungen zu nicht-pharmakologischen Fragestellungen, etwa wie sich das Virus verbreitet und wie hilfreich so einschneidende Regelungen wie Ausgangsbeschränkungen sind. Auch Einrichtungen wie Schulen, Kindergärten und Pflegeheime wurden in den Studien nicht berücksichtigt.

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          Was die Zahl der Probanden betrifft, hatten die deutschen Zentren im Durchschnitt 106 Versuchspersonen pro Studie angepeilt, konnten im Mittel jedoch nur 15 Teilnehmer und damit weniger als 14 Prozent der ursprünglich geplanten Anzahl darin einbeziehen. Hinzu kommt, dass elf der 65 Studien immer noch nicht in Gang gekommen sind oder nicht mehr starten werden und nur 14 zu Ende geführt wurden. Wenig verwunderlich ist es vor diesem Hintergrund, dass hierzulande nur etwa einer von hundert stationär versorgten Corona-Patienten an einer einschlägigen Therapiestudie beteiligt war oder ist.

          In Großbritannien sollen es laut den Autoren einer von sechs sein, also um ein Vielfaches mehr. Ursächlich hierfür sei die lang etablierte, effiziente Studien-Infrastruktur, schreiben Hemkens und seine Kollegen. So sei die Recovery-Studie – ein britisches Projekt, in dem verschiedene Therapieoptionen bei Covid-19-Patienten getestet werden – innerhalb von zwei Tagen geplant gewesen. Nach neun Tagen hätten die Verantwortlichen schon den ersten Probanden gewonnen und inzwischen mehr als 10.000 Teilnehmer eingeschlossen. Nach zwei Monaten Studienlaufzeit war die erste nutzbringende Therapie entdeckt worden.

          Weshalb in Deutschland nur vergleichsweise wenige Corona-Studien vorgenommen werden und obendrein nur ein Bruchteil von ihnen die vorgesehene Patientenzahl oder die Ziellinie erreicht, wurde nicht ermittelt. Wenig nachvollziehbar ist für die Autoren der Analyse zugleich, aus welchem Grund nicht-pharmakologische Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie hierzulande so wenig Aufmerksamkeit erhalten. Am mangelnden Interesse der Forscher scheint es jedenfalls nicht oder nicht allein zu liegen.

          Dafür sprechen unter anderem die Erfahrungen des Physikers und Aerosolforschers Gerhard Scheuch, der nach langjähriger Forschungstätigkeit am Helmholtz Zentrum in München nunmehr als Privatier Aerosolforschung betreibt und unter anderem das Robert-Koch-Institut diesbezüglich berät. „Zusammen mit verschiedenen Universitäten habe ich beim Bundesministerium für Gesundheit unlängst zwei Studien zum Thema Aerosole beantragt. In einer ging es um die frühzeitige Identifizierung von Corona-Infizierten in Altersheimen und in der anderen um die Frage, ob auch Kinder Superspreader sein können, und wie viele Aerosolpartikel sie ausatmen. Leider wurden beide Studien abgelehnt“, sagt Scheuch. Die Kinderstudie hätten sie inzwischen allerdings auf den Weg gebracht. Es sei ihnen gelungen, genügend Spendengelder dafür aufzutreiben. Für die öffentlich finanzierte Corona-Forschung hat der Bund insgesamt, sprich der Steuerzahler, bisher mehr als eineinhalb Milliarden Euro bereitgestellt.

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