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Politik und Wissenschaft : Warum Angela Merkel nicht Medizin studiert hat

  • -Aktualisiert am

Bundeskanzlerin Angela Merkel Bild: dpa

Gesetzmäßigkeiten der Pandemie? Über das schwierige Verhältnis von Wissenschaft und Politik. Ein Gastbeitrag.

          6 Min.

          Die zurückliegenden Tage sind gekennzeichnet durch einen zum Teil heftigen Streit darüber, was die Wissenschaft aktuell zur Verbesserung der Lage in der Pandemie beitragen kann. Der Streit zwischen Gegnern und Befürwortern sogenannter Corona-Maßnahmen ist zu einem Streit über den Stellenwert der Wissenschaft geworden, über Wissenschaftskommunikation und das Verhältnis von Politik und Wissenschaft.

          Einen überraschend persönlichen Einblick in ihren inneren Kompass hat dabei die Bundeskanzlerin während der Generaldebatte zum Haushalt 2021 im Deutschen Bundestag gegeben. Sie erläuterte zur Wahl ihres Studienfaches: Physik habe sie studiert, um Orientierung zu gewinnen. In einem Land, in dem die Realität immer abhängig war von der Interpretation der Mächtigen, sei das Studium der Naturgesetze eine entscheidende innerliche und inhaltliche Positionierung gewesen: die Gravitationsgesetze, die Prinzipien der Erdanziehung und der Lichtgeschwindigkeit ließen sich nun einmal nicht uminterpretieren.

          Während sich daraus eine enge Verbindung zwischen wissenschaftlicher Erkenntnis und politischem Handeln ableiten ließe, gehen viele Kommentatoren derweil mit der Politik hart ins Gericht: Entscheidungen seien zu spät getroffen, wissenschaftliche Erkenntnisse nicht richtig interpretiert, wichtige Zeit verschlafen worden – die Politik habe fertig, sie sei mit ihrem Latein am Ende. Zwischen dem Bekenntnis zum Vertrauen in die Wissenschaft und den Handlungen in der politischen Tiefebene bestünden gravierende Brüche. Die Empfehlungen der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina zum aktuellen Infektionsgeschehen sollten basierend auf klaren wissenschaftlichen Analysen handlungsleitend sein. Virologen sollten für eine gewisse Zeit die Regierungsgeschäfte übernehmen, damit wieder Stringenz in die Handlungen und Ruhe in das Land kämen.

          Emotionalisierte Debatten

          Diese Einschätzung erzeugt bei mir heftiges Kopfschütteln. Sicher: Ungewöhnlich prominent haben wir im zurückliegenden Jahr über die Bedeutung der Wissenschaft für die Entwicklung und das Wohlergehen unserer Gesellschaften diskutiert. Der direkte Zusammenhang zu Leib und Leben hat zu einer Emotionalisierung der Debatte geführt, die auf den ersten Blick weitestgehend positiv zu bewerten ist. Das im zurückliegenden Jahrzehnt wachsende Misstrauen gegenüber wissenschaftlicher Erkenntnis zum Beispiel beim Klimawandel schien sich zu revidieren. Das gilt auch für die Nebenwirkungen der Informationsgesellschaft, die die klassischen Formen der Wissenskommunikation in einen Wettstreit mit zum Teil absurden Theoriebildungen im Minutentakt stellen. Neue Hoffnung entstand, wir Menschen kämen zurück zu dem, was uns nicht erst seit der kritischen Philosophie Kants auszeichnet: Zum Gebrauch der Vernunft in der Gestaltung unserer Lebenswelten.

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