https://www.faz.net/-gwz-a6ta3

Politik und Wissenschaft : Warum Angela Merkel nicht Medizin studiert hat

  • -Aktualisiert am

Politische Entscheidungen sollen dem Gewissen folgen, nicht ausschließlich dem Wissen. Daraus begründet sich die Akzeptanz von Mehrheitsentscheidungen. Im Dialog zwischen Wissenschaft und Gesellschaft ist es zudem wesentlich, die Grundzüge der wissenschaftlichen Methodik zu verstehen, die sich häufig am Experiment orientiert und ihre Ergebnisse nicht selten durch das Scheitern von Versuchen findet. Selten und nur in wenigen Fachgebieten liegen so eindeutige Gesetzmäßigkeiten vor, dass diese als Naturgesetze bezeichnet werden. Davon hat Angela Merkel gesprochen. Anders verhält es sich in den Wirtschaftswissenschaften, wo Vorhersagen fortlaufend korrigiert und weiterentwickelt werden. Und jeder Patient kennt die Situation, dass klinische Befunde nicht eindeutig sind oder dass vorgeschlagene Therapiewege nicht immer zum Erfolg führen. Das unterscheidet die Wirtschaftswissenschaften oder die Medizin von der Physik.

Experten ersetzen nicht die Politik

An dieser Stelle finden wir uns in der Generaldebatte des Bundestages wieder. Die dort vorgetragenen Argumente haben in der einen wie in der anderen Richtung das Vertrauen in die Wissenschaft nicht gestärkt. Die Medizin ist vom Prinzip her nur ansatzweise mit der Physik vergleichbar. Darum hätte das Medizinstudium für Angela Merkel auch keine Orientierung geben können, so wie sie sich das in der Physik erhofft hat. Und deshalb sind auch Empfehlungen von exzellenten Fachkollegen aus verschiedenen Disziplinen keine Naturgesetze, auf denen aufbauend politische Handlungen stringent und mit großer Planungssicherheit kalkuliert werden könnten. Es ist ein Trugschluss zu glauben, ein Expertengremium könne bessere Entscheidungen treffen als die gewählten und zuständigen Politiker. Dieses Wissenschaftsverständnis gefährdet den Fortschritt, den selektiver Erkenntnisgewinn zur Unterstützung der politischen Entscheidungsfindung beitragen kann. Vor allem aber geraten Wissenschaft und Politik gleichermaßen in ein Rechtfertigungsdilemma. Medizin ist nicht Physik. Eine Pandemie verhält sich nicht nach für uns fassbaren Naturgesetzen.

Die Menge der unbeantworteten Fragen im Hinblick auf das Geschehen, das uns seit Anfang 2020 begleitet, bleibt groß. Wissenschaft kann dazu beitragen, unser Leben in neu zu definierenden Regeln zu sichern und zu erhalten. Diese Regeln ändern sich natürlicherweise ständig, weil der Erkenntnisgewinn dies ermöglicht. Nur wenn diese Unsicherheit und die Bandbreite der offenen Fragen nicht als Verlust von Autorität, sondern als natürlicher Rahmen menschlichen Handelns verstanden wird, kann deren Kommunikation dazu beitragen, die gesamtgesellschaftliche Verunsicherung zu beruhigen. Irrtumswahrscheinlichkeit ist ein Charakteristikum der Wissenschaft. Wir müssen sie in unser Verhältnis zur Politik integrieren, wenn die Vernunft handlungsleitend bleiben soll. Die gesellschaftliche Bewältigung der Pandemie hängt von der Verantwortungsübernahme jeder und jedes Einzelnen ab. Diese Fähigkeit zu stärken ist die Aufgabe der gewählten Politiker.

Der Autor

Univ.-Prof. Dr. Dr. med. habil. Dr. phil. Dr. theol. h. c. Eckhard Nagel ist Direktor des Instituts für Medizinmanagement und Gesundheitswissenschaften der Universität Bayreuth und war Mitglied im Deutschen und Nationalen Ethikrat.

Weitere Themen

Die letzte Krise der Kanzlerin

FAZ Plus Artikel: Angela Merkel : Die letzte Krise der Kanzlerin

Angela Merkel muss das Land wieder durch eine Krise führen – und es ist die womöglich schwerste in ihrer langen Amtszeit. In dieser Krise entscheidet sich auch, wie man ihre Kanzlerschaft in Erinnerung behalten wird.

Topmeldungen

Trauerfeier für Prinz Philip : Eine Familie nimmt Abschied

Ein schwerer Gang für Königin Elisabeth II.: Gemeinsam mit ihrer Familie hat sie in einer Trauerfeier Abschied von Prinz Philip genommen. Nur 30 Trauergäste waren erlaubt.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.