https://www.faz.net/-gwz-a6ta3

Politik und Wissenschaft : Warum Angela Merkel nicht Medizin studiert hat

  • -Aktualisiert am

Die Fortschritte in Technik und Naturwissenschaften, in Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften haben unser Leben in den letzten 50 Jahren so umfassend revolutioniert wie niemals zuvor. Die eine oder der andere mag sich noch an das Ende der sechziger Jahre erinnern, wo zwei Ereignisse den Beginn eines Wissenschaftspositivismus begründeten, der keineswegs in den Gebäuden ehrwürdiger Universitäten stecken blieb, sondern seinen Weg in die Wohnzimmer von Millionen von Menschen durch das damals zugegebenermaßen noch recht unscharfe Schwarzweißbild des Fernsehers fand: Die Mondlandung und die erste Herztransplantation in Südafrika – beides erstmalig medial begleitete und wissenschaftlich begründete Entwicklungen, von denen niemand so richtig einschätzen konnte, was sie mit einem selbst zu tun haben mochten. Dennoch verbreitete sich ein ermutigendes Gefühl bis in die Schulklassen: Hier ist etwas gelungen, das auch mein Leben positiv beeinflussen wird.

Mancher mag einwenden, dass in diese Wahrnehmung viel Naivität und noch mehr in der Wissenschaft im Prinzip nicht erlaubte Emotionalität eingeflossen sind. Aber sei’s drum: Der Entwicklung vieler Generationen junger Menschen, die sich aufgemacht haben, schulische und universitäre Abschlüsse anzustreben, um für das Gute in der Welt zu arbeiten, hat es nicht geschadet. Es kam zur Wiederbelebung einer öffentlichen Begeisterung für die Wissenschaft, wie sie einst Alexander von Humboldt zu erzeugen wusste. Wesentliche Grundlagen des Humboldt’schen Bildungsideals machen bis heute das Fundament unseres Zusammenlebens aus. Forderungen nach Freiheit, nach Verantwortung und Moral, basierend auf der Überzeugung einer unabänderlichen Vernunft, sind der Ausgangspunkt des wissenschaftlichen Denkens. Das haben Abiturienten wie Angela Merkel verinnerlicht und in dieser Tradition die Wahl ihres Studienfaches intuitiv oder bewusst getroffen.

Gegen Begehrlichkeiten immun

Wissenschaft und Kunst, in ihrer Freiheit geschützt durch das Grundgesetz, haben eine zentrale Stellung in der Organisation des Gemeinwesens. Diese zentrale Stellung beruht auf dem Vertrauen, dass zur Ermittlung der Wahrheit ein ernsthaftes Bemühen in methodischer, systematischer und nachprüfbarer Weise Erkenntnisse hervorbringt, die zum Wohle aller nutzbar und für diese förderlich sind. Diese Erwartungshaltung nimmt Bezug auf die von Max Weber dargelegte und begründete Neutralität der Wissenschaft. Er ging davon aus, dass wissenschaftliche Erkenntnis objektiv und damit wertfrei sei. Wissenschaft fällt also keine Urteile, wie sich die Welt gestalten sollte, sie beschreibt lediglich, wie die Welt ist. Dies geschieht im unbedingten Vertrauen auf die Vernunft. Persönlichen Interessen und Begehrlichkeiten gegenüber ist Wissenschaft weitestgehend immun. Dies gilt auch, wenn der Ursprung der Forschungsfrage bereits eine mögliche Nutzbarkeit der Ergebnisse im Auge hat, wie zum Beispiel bei der Erforschung eines Impfstoffes oder der epidemiologischen Regeln einer Pandemie. Wie schwierig eine solche politische Neutralität zum Beispiel für ein die Politik beratendes wissenschaftliches Gremium ist, lässt sich an der Etablierung des Nationalen und später Deutschen Ethikrates nachvollziehen. Aufgeheizt durch die Diskussion um die moralischen Grenzen der embryonalen Stammzellforschung hatte Bundeskanzler Gerhard Schröder 2001 ein Gremium zusammengerufen, das die ethische Entwicklung in den Lebenswissenschaften aufzeigen und der Gesellschaft gegenüber verständlich darstellen sollte. Die mediale Aufmerksamkeit verkürzte sich dabei auf die Frage, ob es bezüglich bestimmter Positionen Mehrheiten und Minderheiten innerhalb des Gremiums gäbe. Es war ein langer und mühsamer Prozess, der Öffentlichkeit gegenüber verständlich zu machen, dass Wissenschaft Neutralitätsgeboten zu folgen habe und dass ein Gremium, auch wenn es von der deutschen Bundesregierung oder dem Deutschen Bundestag eingesetzt wird, nicht deren Aufgaben übernehmen könne oder solle.

Weitere Themen

Topmeldungen

Kanzlerkandidatin der Grünen: Annalena Baerbock am Montag in Berlin.

Kanzlerkandidatin Baerbock : Die grüne Zauberin

Noch ist die erste Kanzlerkandidatur der Grünen ein Anfang, dem ein Zauber innewohnt. Der könnte für Annalena Baerbock schnell zum bloßen Budenzauber werden.

K-Frage der Union : Der entspannte Herr Söder

In einem Auftritt vor der Presse gibt sich CSU-Chef Markus Söder auffallend konziliant und bekundet „Respekt vor allen Gremien“ der CDU. Sieht so jemand aus, der fürchten müsste, dass sich die Schwesterpartei am Abend gegen ihn ausspricht?

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.