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„Kawasaki“ durch Covid-19? : Auch deutsche Kinder mit schweren Entzündungsreaktionen

  • -Aktualisiert am

Fieber gehört zu den ersten Symptomen auch des „Kawasaki“-Syndroms. Bild: dpa

Als schwere Komplikation der Covid-19-Infektion entpuppt sich zunehmend ein seltenes Entzündungsleiden bei Kindern. Zehn Fälle wurden bisher aus Deutschland gemeldet. Jetzt wollen Ärzte über Ländergrenzen hinweg für mehr Klarheit sorgen.

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          Ein Segen dieser Pandemie war, dass Kinder bislang davor gefeit schienen. Seit einigen Wochen mehren sich jedoch besorgniserregende Berichte über Kinder, die an einem neuartigen entzündlichen Syndrom erkranken, das möglicherweise mit einer Coronavirus-Infektion in Zusammenhang steht. Die jungen Patienten leiden an tagelangem Fieber oft auch an Bauchschmerzen, Durchfall, Hautausschlägen und Schwellungen der Hände und Füße und zeigen generell starke Entzündungsreaktionen Die Symptome ähneln denen des seltenen Kawasaki-Syndroms.

          Wegen den existierenden Unterschieden bezeichnen Ärzte das neuartige Syndrom nun als Pediatric Multisystem Inflammatory Syndrome, kurz PMIS. In Europa wurden mindestens 50 Fälle gemeldet, in New York sind etwa 100 Kinder betroffen. Bislang sind zwei Kinder und zwei Jugendliche an den Folgen von der Entzündungskrankheit gestorben. „In Deutschland sind zehn Kinder und Jugendliche erkrankt, keines der Kinder ist gestorben“, sagt Inge Krägeloh-Mann, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin.

          Noch ist offen, ob ein direkter Zusammenhang mit einer Sars-CoV-2-Infektion besteht, aber die Hinweise verdichten sich. In einer am Mittwoch veröffentlichten Studie in der Fachzeitschrift „Lancet“ verglichen italienische Ärzte die Anzahl der behandelten Kawasaki-Patienten vor und nach Beginn der Pandemie in jenem Krankenhaus in Bergamo, das im Epizentrum des Ausbruchs lag. In den fünf Jahren vor dem Sars-CoV-2-Ausbruch wurden dort 19 Kinder mit Kawasaki-Syndrom behandelt. Von Mitte Februar bis Mitte April 2020 waren es zehn Kinder. Das entspräche einer dreißigfach erhöhten Häufigkeit der Kawasaki-Krankheit schreiben die Autoren.

          Monitoring-Projekte ins Leben gerufen

          Anfang Mai hatte schon ein britisches Ärzteteam in der gleichen Fachzeitschrift von einer „beispiellosen Häufung“ solcher Fälle in Südostengland berichtet. Während eines Zeitraums von zehn Tagen seien acht Kinder mit einem toxischen Schock, wie er beim Kawasaki-Syndrom vorkommen kann, behandelt worden. Normalerweise würden dort ein bis zwei Kinder pro Woche mit solchen Symptomen diagnostiziert. Das Virus konnte mittels PCR-Test nur bei einem Teil der Kinder nachgewiesen werden. Ein großer Teil der Kinder hatte allerdings Antikörper gegen Sars-CoV-2 im Blut. Experten vermuten daher, dass PMSI nach einer durchgemachten SARS-CoV-2-Infektion auftreten kann.

          Das verwandte Kawasaki-Syndrom ist seit fast achtzig Jahren  bekannt, die Ursachen der seltenen Erkrankung sind unbekannt. Als mögliche Auslöser für das Syndrom werden Infektionen mit Erkältungsviren diskutiert, die zum Teil zur Corona-Familie zählen. „Vor diesem Hintergrund ist es gut möglich, dass Sars-CoV-2 ein Kawasaki-ähnliches Syndrom auslöst“, sagt Krägeloh-Mann, „die eigentliche Frage ist, ob das Coronavirus diese Komplikationen häufiger hervorruft als andere Erreger und, ob der Verlauf schwerer ist.“ Die Fallzahlen seien bislang so klein, dass man sich für eine abschließende Beurteilung noch gedulden müsse.

          Die Symptome der beiden verwandten Krankheiten gehen vermutlich auf eine überschießende Reaktion des Immunsystems zurück, wobei vor allem die Blutgefäße und die Organe des eigene Körper angegriffen werden. Am Kawasaki-Syndrom erkranken hauptsächlich Kinder unter fünf Jahren, am tendenziell schwerer verlaufenden PMIS hauptsächlich Kinder über fünf Jahre.

          In Deutschland, der Schweiz und Großbritannien wurden kurzerhand Monitoring-Projekte ins Leben gerufen, die ambulante und stationäre Covid-19-Fälle und mögliche Komplikationen bei Kindern erfassen. Gesundheitsbehörden in mehreren Ländern haben bereits oder sind dabei, Informationen und Leitlinien heraus zu gegeben, die Kinderärzten die Diagnose erleichtern sollen, und bitten darum, Verdachtsfälle zu melden. „Weil das Syndrom so selten ist, wird es eine weltweite Zusammenarbeit brauchen, um der genauen Ursache auf die Spur zu kommen“, sagt Christoph Aebi Vorstandsmitglied der Schweizerischen Gesellschaft für Pädiatrie.

          Experten bekräftigen, dass die meisten Kinder eine Coronainfektion problemlos überstehen und meist keine oder nur milde Symptome zeigen. „Wir beobachten das Geschehen sehr aufmerksam. Momentan gibt es keinen Grund, beschlossene Lockerungen aufzuheben“, sagt Krägeloh-Mann, „soziale Interaktionen sind für Kinder extrem wichtig und bei PMIS handelt es sich um ein sehr seltenes Krankheitsbild, das außerdem behandelbar ist.“

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