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Mathematik der Pandemie : Wie 2020 unser Verhältnis zu Zahlen verändert hat

Hinter den Zahlen stehen Schicksale. Bild: dpa

Es ist noch gar nicht lange her, da waren Liebhaber der Statistik in der Minderheit. Die Pandemie hat nun allen gezeigt, dass man mit Zahlenkompetenz durchaus viel anfangen kann.

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          Denjenigen Menschen, die eine besondere Liebe zu Zahlen pflegen, wurde von Menschen, die das nicht tun, ja gerne eine gewisse emotionale Kälte vorgeworfen. Nüchtern und schnörkellos lässt sich schließlich so ziemlich jede Gegebenheit in einer rein zahlenmäßigen Beschreibung entemotionalisieren.

          Der Zahlenliebhaber wusste natürlich, dass solche ihm nachgesagte Emotionslosigkeit ein großes Missverständnis ist, denn auch wenn die Zahlen ihren emotionalen Gehalt nicht so offen und plump zur Schau stellen wie so vieles andere in der Welt, sind sie doch voll von Schönheit und Wärme und Aufregung – selbst oder gerade wenn sie über den, dem begeisterten Denker mitunter müßig erscheinenden, empirischen Erfahrungen zu schweben scheinen. Doch aufklären wollte und musste er dieses Missverständnis nicht, warum auch sollte man so ein hübsches Geheimnis unnötig teilen?

          2020 hat in dieser Beziehung nun einiges in Unordnung gebracht. Nicht nur, dass in diesem Pandemiejahr die neuerlich unseren Alltag bestimmenden Zahlen für Sorge, Trauer und Schrecken stehen, das wäre schon bekümmernd genug. Auch die Emotionalität der Mathematik hat sich in den vergangenen Monaten von einer Einsicht der wenigen zu einem polternden Mainstream-Phänomen gewandelt. Auf einmal wird in den sozialen Medien, den Online-Foren und Kommentarbereichen mit einer Leidenschaftlichkeit über Funktionen und statistische Zusammenhänge gestritten, die man kaum für möglich gehalten hatte. Da wirft man sich gegenseitig vor, exponentielles Wachstum doch nie wirklich verstanden zu haben, die falschen statistischen Verteilungen zu nutzen oder Kurven und ihre Ableitungen zu verwechseln. Wer mit mathematischer Fachkenntnis glänzt oder diese zumindest gekonnt simulieren kann, hat plötzlich das Zeug zum Meinungsmacher - auch das hat 2020 also angerichtet.

          Zumindest die Pädagogen aber sollte das freuen. Die wichtige Rolle der Emotionen für einen erfolgreichen Zugang zur Mathematik haben diese bereits seit Jahrzehnten im Blick. Zudem wurden all jene, die bislang darauf zu beharren pflegten, mathematische Kenntnisse würden nach dem Abitur nie wieder von Nutzen sein, durch die Pandemie nun endgültig eines Besseren belehrt. Und dennoch: Wenn das Virus und seine Zahlen hoffentlich bald nicht mehr alles andere dominieren, werden die eher stillen Liebhaber der Mathematik vermutlich schnell wieder unter sich sein.

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