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Schöne neue Welt : Hauptsache Schrott

Leben wir bald alle in der virtuellen Erlebniswelt? Bild: dpa

Virtuell gehobelt und trotzdem Späne: Die digitale Revolution kommt mit zahlreichen Verheißungen. Aber wird die Zukunft wirklich so rosig, sicher und sauber, wie uns weisgemacht werden soll? Eine Glosse.

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          Der Mensch lebt von seinen Illusionen. Wo könnte dieses Wort mehr Geltung besitzen als in dem, was uns jeden Tag als digitale Revolution schmackhaft gemacht wird. Man mag es beklagen, dass die Menschen den 3D-Bildschirm jetzt auf der Nase sitzen haben und die Existenz in der Materielosigkeit immer öfter dem prallen Leben da draußen vorziehen. Einerseits. Andererseits ist das virtuelle Leben als gelegentliche Übung vielleicht gar nicht so übel. Piloten simulieren aus guten Gründen den Ernstfall, und in der Psychotherapie könnte der virtuelle Zugang in den Kopf des Patienten manche schiefe Verdrahtung wieder ins Lot bringen.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Luis Neves, der Direktor der „Global e-Sustainability Initiative“, eine Art Biolandbau-Allianz der Computerbranche, hat auf dem Bonner Weltklimagipfel kürzlich ein Szenario entworfen, das sogar allen zugute käme, auch dem Klima. Statt fünfundzwanzigtausend Umweltschützer für so einen Mammutkongress aus den entlegensten Winkeln der Erde an einen Ort zu karren, nur um sich zu streiten, könne man sich doch künftig in einer virtuellen Konferenz begegnen. Mit fünfhundert Teilnehmern rund um den Globus geht das schon ganz gut, das hat Neves’ Organisation vergangene Woche getestet. Selbst amerikanische Hebammen üben schon die immaterielle Begegnung. Aber auch da gilt: alles nur Zwischenlösungen. In ein paar Jahren tauschen wir uns wahrscheinlich auf Hologrammen in der Hand aus oder im Internet der Dinge, dann brauchen wir nicht mal mehr Smartphones. Die Miniaturisierung, machen wir uns da nichts vor, war nur ein Schritt.

          Allzu rosig dürfen wir uns den Fortschritt allerdings auch nicht ausmalen. Die virtuelle Kryptowährung Bitcoin etwa – manche sagen: das Geld von morgen – sorgt momentan für Wirbel an den Börsen. Aber nicht nur da. Die finanzmathematischen Probleme, die die Bitcoin-Rechner zu lösen haben, fressen Unmengen Energie. Angeblich ist das Bitcoin-Netz hunderttausendmal so leistungsfähig wie fünfhundert Supercomputer zusammen, es verschlingt für jede Finanztransaktion genauso viel Strom wie acht Eigenheime an einem Tag. Zerstört Bitcoin also womöglich die Illusion einer sicheren, sauberen Energiezukunft? Klar ist nur: Die Infrastrukturen für die Virtualität machen uns ganz schön zu schaffen. Der jüngste „Globale E-Abfall Monitor“ hat festgestellt, dass der elektronische Müll zwischen 2014 und 2016 um acht Prozent auf fast 45 Millionen Tonnen zugenommen hat – und um weitere 17 Prozent bis 2021 steigen soll. Der Digitalmüllberg wiegt schon jetzt so viel wie viereinhalbtausend Eiffeltürme. So läuft das in der realen Welt: Wo gehobelt wird, fallen Späne. Keine falschen Illusionen also, auf dem Weg ins Jenseits der Virtualität gelten immer noch die Gesetze des Diesseits.

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