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Rechtsextreme Netzwerke : Wie stoppt man den Hass?

Hasserfüllt: Ein Anhänger der White Supremacists bei einer Demonstration der New Black Panther Party und des Ku Klux Klans in South Carolina. Bild: dpa

Rechtsextreme Netzwerke stiften im Internet immer wieder zu blutigen Taten an. In einer neuen Studie untersuchen Physiker die Dynamiken des Hasses – und entwickeln vier Strategien dagegen.

  • -Aktualisiert am
          4 Min.

          Über die Internetplattform „8chan“ wird derzeit viel gesprochen. Sowohl der Attentäter von Christchurch, der Mitte März in eine Moschee eindrang und 51 Menschen erschoss, als auch der Schütze von El Paso, der Anfang August in einer Walmart-Filiale zwanzig Menschen tötete, tauschten sich in den anonymen Foren auf 8chan mit Gleichgesinnten aus. Die ursprüngliche Seite ging zwar kurz nach dem Attentat von El Paso offline, es gilt aber als wahrscheinlich, dass sie längst unter einer anderen Domain wieder zu finden ist. Rechtsextreme Foren funktionieren wie Fliegenfallen: Außenseiter und Menschen mit Problemen bleiben in ihnen hängen und werden mit wirren Theorien indoktriniert. Wie kann man verhindern, dass sich Hass im Netz verbreitet?

          Um das herauszufinden, schaute sich der Physiker Neil Johnson mit einer Forschungsgruppe der George Washington University rechtsextreme Dynamiken im Internet genauer an. Sie konzentrierten sich dabei auf die Vernetzung von Gruppen – Zusammenschlüsse auf Plattformen der sozialen Medien von Individuen, die ein gemeinsames Interesse teilen. Dazu wandten sie eine Methode an, die Johnson 2016 mit einem ähnlich besetzten Forscherteam entwickelt hatte, um Isis-Netzwerke im Internet zu identifizieren: Zunächst durchsuchten sie öffentlich zugängliche Daten der zwei großen sozialen Plattformen Facebook und „VKontakte“ nach Hashtags mit rechtsextremem Inhalt. So stellten sie fest, dass sich Rechtsextreme in einer Vielzahl von Gruppen zusammenschließen, die in selbstorganisierter Weise über mehrere Plattformen und Ländergrenzen hinweg vernetzt sind. Das Besondere: Diese Dynamik wird weder zentral gesteuert noch von Individuen bestimmt, sondern spielt sich auf der durch die Gruppen definierten „Meso-Skala“ ab.

          Rechtsextreme Netzwerke funktionieren vermutlich wie Pilze

          Die gesammelten Daten analysierten die Forscher anschließend mit einem Modell, das der Physiker Timothy C. Jarrett 2006 in Zusammenarbeit mit Johnson entwickelt hatte, um zu erforschen, wie in komplexen Netzwerken, wie beispielsweise in riesigen Pilzsystemen, Funktion und Struktur des Netzwerkes zusammenhängen. Dabei zeigte sich, dass sehr verschiedene Strukturen ähnliche funktionale Charakteristika besitzen können: Kleine Veränderungen der Eigenschaften des Netzwerkes können demnach zu einer drastischen Umstrukturierung führen, so dass das Netzwerk nach wie vor dieselbe Funktion erfüllt.

          Netzwerk mit Knoten und Blasen: Wie der Brotschimmelpilz mit den Sporenbehältern wuchert der Hass mit System.

          Konkret beschreibt das mathematische Modell eine Struktur aus Knotenpunkten, die wie bei einer Zwiebel in Ringen angeordnet sind, und berechnet, auf welchem Weg beispielsweise Nährstoffe am schnellsten durch das Netzwerk transportiert werden können. Den Wegen werden dabei unterschiedlich hohe „Kosten“ zugeordnet. So ist der Weg durch die Mitte des Netzwerkes zwar meist der kürzeste, auf ihm kann es aber auch zu Stau und Überlastungen kommen, weshalb er oft nicht der schnellste ist. Solche Überlastungen werden als erhöhte Kosten des Weges beschrieben. Das Modell zeigt, dass sich die optimale Struktur eines solchen Pilznetzwerks abrupt anpasst, wenn sich die Belastungskosten ändern, ähnlich schnell, wie wenn Wasser beim Erhitzen sprunghaft zu kochen anfängt.

          Auch in Deutschland organisiert sich die rechte Szene, wie hier bei einer Kundgebung am 27. August 2018 in Chemnitz, blitzschnell. Nur wenige Stunden zuvor war Daniel H. erstochen worden.

          Johnson und sein Team vermuten nun, dass dieses Modell auch rechtsextreme Netzwerke beschreiben kann. Dessen interne Verbindungen sind wie im Pilzsystem mit Kosten verbunden – mit dem Risiko, von Facebook und Co. entdeckt und gesperrt zu werden. Ähnlich wie der Pilz, der Nährstoffe möglichst schnell transportieren will, sucht sich der Hass im rechtsextremen Netzwerk den schnellsten und sichersten Weg. Und auch hier geht dieser meist nicht durch die Mitte über die großen, populären Internetseiten, wo das Risiko am höchsten ist.

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