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Morphing : Ein Pass für zwei

  • -Aktualisiert am

„Mindestens tausend Fälle bekannt“

Die dünne Datenlage hat Christoph Busch von der Hochschule Darmstadt auf eine Idee gebracht. Der Informatiker und Biometrie-Experte hielt im vergangenen Oktober einen Vortrag über Morphing auf der Security-Printers-Konferenz in Kopenhagen – einer exklusiven Veranstaltung für internationale Vertreter von Polizei und Behörden der Grenzkontrolle sowie Herstellern von Reisepässen. Hier führte er eine anonyme Umfrage durch: Die Zuschauer sollten angeben, wie viele Pässe oder Personalausweise mit gemorphten Bildern in den letzten fünf Jahren in ihren Ländern entdeckt wurden. „Aus den Antworten wissen wir, dass mindestens tausend Fälle bekannt sind, was ich für eine relevante Anzahl halte“, sagt Busch. Er unterstützt Seehofers vorgeschlagene Passbild-Regelung. Auch der Europäische Rat empfiehlt Verfahren, bei denen das Lichtbild unmittelbar in der Behörde erstellt wird. In elf EU-Staaten sei das bereits Pflicht, erklärt das Bundesinnenministerium. Doch Busch weiß: Auch mit der neuen Regelung wäre Morphing noch immer ein Problem. Schließlich dürften schon jetzt manipulierte Pässe im Umlauf sein. Aus Ländern, in denen die Menschen ihre Passbilder selbst zum Amt mitbringen, könnten weitere hinzukommen.

Deshalb arbeiten Forscher wie Busch an Computerprogrammen, die Morphing automatisch erkennen können. Die Bildmanipulation verändert zum Beispiel die Textur in manchen Bereichen der Bilder. Dem menschlichen Auge bleiben diese Artefakte verborgen, aber Computersysteme können sie erkennen. Außerdem ist das charakteristische Bildrauschen, das Kameras bei der Aufnahme erzeugen, verräterisch. „Wenn ich da Rauschen von mehr als einer Kamera finde, dann weiß ich: Da ist etwas faul“, sagt Busch. Wenn man zusätzlich zum Passbild noch ein Foto vom Besitzer des Passes hat, wie es etwa bei der automatischen Grenzkontrolle der Fall ist, kann man weitere Methoden der Morphing-Erkennung nutzen. „Man bringt einem System bei, Unterschiede zwischen der Person und dem Foto im Pass zu erkennen, die nicht auf Müdigkeit oder das Alter des Fotos zurückzuführen sind“, sagt Busch. Etwa das Verhältnis zwischen dem Abstand der Augen und der Nasenlänge werden beim Morphing aus zwei Personen gemittelt und entsprechen am Ende keiner der beiden. Andere Methoden drehen den Morphing-Prozess praktisch um: Sie rechnen das Bild der echten Person aus dem Passbild heraus und prüfen, ob das Gesicht einer anderen Person übrig bleibt.

Jedoch gibt es kaum umfangreiche Datenbanken mit gemorphten Bildern, an denen man die Erkennungsverfahren testen könnte. Lediglich die amerikanische Standardisierungsbehörde Nist hat eine solche Datenbank. Ein Test von fünf Algorithmen fiel ernüchternd aus: Unter realistischen Bedingungen hätten die Systeme nur rund eines von zehn gemorphten Bildern erkannt. Busch arbeitet im Rahmen eines europäischen Projekts ebenfalls an einer solchen Datenbank und hat damit schon einige der Systeme getestet. Die Ergebnisse stelle sein Team in ein paar Wochen zusammen. Dafür haben sie mühsam Fotos aufgenommen, gemorpht, ausgedruckt und wieder eingescannt, genauso wie echt gemorphte Passfotos. Mit beschlagnahmten Fotos aus realen Morphing-Fällen könnten sie ihre Systeme unter realistischen Bedingungen testen. Doch die Behörden rücken solches Material derzeit nicht heraus.

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