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Computer-Epigraphik : Tief lernen, um zu lesen

Dieses Puzzle hatte menschliche Intelligenz noch ganz allein lösen müssen: Die Restauration der „Hekatompedon“-Inschrift auf einem von den Persern zerstörten Tempel der Athener Akropolis. Sie wurde 485 oder 484 vor Christus eingemeißelt. Bild: Nature

Künstliche Intelligenz macht sich nun auch bei Althistorikern nützlich und ergänzt teilweise zerstörte antike Texte. Wie das funktioniert zeigen Forscher an Inschriften zum Imperialismus der Athener .

          5 Min.

          Hat uns Thukydides getäuscht? Der Athener gilt als Vater und Vorbild einer um Objektivität bemühten wissenschaftlichen Geschichtsschreibung. Sein Werk über den Peloponnesischen Krieg (431 bis 404 v. Chr.), den er selbst miterlebte, stellt seiner Vaterstadt dabei ein wenig schmeichelhaftes Zeugnis aus: Demnach ging die demokratische Großmacht nach dem Tod des Perikles im Jahr 429 v. Chr. unter dem Regiment von Demagogen und eines aufgehetzten Volks zu einem immer harscheren Imperialismus über. Das dem so war, bezeugen auch als steinerne Inschriften erhaltene Dekrete, laut denen Athen die von ihr abhängigen Verbündeten zunehmend kujonierte. Doch wann wurden sie eingemeißelt?

          Ulf von Rauchhaupt
          Redakteur im Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Leider sind viele der Texte so beschädigt, dass sie sich nur schwer datieren lassen. Seit den 1960er-Jahren achten Forscher auf den Buchstaben Sigma: Wurde er mit drei Strichen geschrieben, müsse die Inschrift älter sein als 446 v. Chr, denn danach sei diese Form außer Gebrauch geraten und durch die Form Σ, also mit vier Strichen, ersetzt worden. Doch mehrere imperialistische Dekrete schreiben das Sigma mit drei Balken, stammen demnach also bereits aus einer Zeit vor dem Krieg und dem Tod des Perikles. Das Reich der Athener wurde früher repressiv, als Thukydides uns weismachen will. Der angeblich so objektive Historiker klitterte also die Geschichte zugunsten des Perikles?

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