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EU-Weißbuch zur KI : Künstliche Intelligenz in Ketten

  • -Aktualisiert am

Regulieren, um Akzeptanz zu schaffen

Bei der KI könnte staatliche Regulierung einerseits negative Auswüchse verhindern, wie etwa den Verlust der Privatsphäre durch intelligente Auswertung von Daten oder die ständige Gesichtserkennung im öffentlichen Raum. Auf anderen Feldern könnte Regulierung der KI sogar erst zum Durchbruch verhelfen, indem sie dafür sorgt, dass die Technologie überhaupt akzeptiert wird. Heute etwa nutzen manche Firmen bereits KI, um Kredite oder Arbeitsplätze zu vergeben. „Wenn KI Dinge entscheidet, die Menschen betreffen, muss sie nachvollziehbar und diskriminierungsfrei sein“, fordert Streibich. Das sei eine Frage der Achtung vor dem Menschen, was wiederum europäische Werte widerspiegele. Bei den heutigen Systemen ist das aber nicht immer gegeben. Die Entwickler können mitunter selbst nicht nachvollziehen, auf welcher Grundlage ihre Programme entscheiden. Damit wissen sie wiederum nicht, ob die KI manche Menschen diskriminiert.

Wie so etwas schiefgehen kann, hat „Reuters“ vor zwei Jahren beschrieben. Demnach hatte der Versandhändler Amazon einem Computersystem beigebracht, Job-Kandidaten vorzusortieren. Irgendwann habe man festgestellt, dass der Algorithmus Frauen benachteilige. Das war überraschend, denn das System kannte das Geschlecht der Bewerber gar nicht. Der Grund lag vermutlich darin, dass die Entwickler das System mit Lebensläufen aus den letzten zehn Jahren trainiert hatten. In dieser Zeit hatte der Konzern relativ wenige Frauen eingestellt. Das Programm hat daraus anscheinend gelernt, Hinweise wie die Mitgliedschaft in Frauenvereinen oder Abschlüsse an Mädchenschulen negativ zu bewerten. Mit Regeln für die Zusammensetzung von Trainingsdaten könnte man solche Fälle mitunter verhindern. Gleiches gilt für medizinische Programme, die etwa automatisch Hautkrebs erkennen. Forscher vermuten, dass diese Algorithmen nur bei weißer Haut zuverlässig sind, weil ihre Trainingsdaten meistens aus Aufnahmen westlicher Arztpraxen bestehen.

Die Konkurrenz hat mehr Trainingsmaterial

Das autonome Fahren wiederum könnte von staatlicher Regulierung profitieren, weil sie für Rechtssicherheit sorgen würde. Bisher dürfte kein Hersteller ein selbstfahrendes Auto auf die Straße schicken, selbst wenn er die Technologie dafür hätte. Ohnehin würde ein Unfall mit Auto ohne Fahrer derzeit unkalkulierbare rechtliche Risiken bergen. Staatliche Regeln zur Sicherheit autonomer Autos und zu Haftungsfragen könnten Europa zu einem Forschungsfeld für diese Technik werden lassen.

Eine Computergrafik zur Gesichtserkennung auf einem Monitor des bayerischen Landeskriminalamts.

Zurzeit wirkt der Kontinent in Sachen KI jedoch abgehängt. Die erfolgreichen Firmen sitzen mit Google, Amazon und Facebook in den Vereinigten Staaten. China hat mit Alibaba, Weibo und Tencent eigene KI-Schwergewichte. Ein Vorteil dieser Konzerne ist es, dass sie ihre Dienste direkt dem Endkunden anbieten und im Gegenzug deren Daten sammeln. Mit diesen Informationen trainieren und verbessern sie wiederum ihre lernenden Systeme. Europäische Firmen können mit den Vorteilen dieser Rückkopplungsschleife nicht mithalten. Ihre Stärken liegen in Robotertechnik und industrieller Steuerung. Das könnte sich aber in Zukunft als Vorteil erweisen, wenn Fabriken, Krankenhäuser und Fahrzeuge immer vernetzter werden und ihrerseits Daten produzieren.

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