https://www.faz.net/-gwz-78qqf

Mathematik : Bloß nicht an diese Medaille denken!

Ein Leben für die Boltzmann-Gleichung: Cédric Villanis Lieblingsformel ist lange noch nicht ausgeforscht Bild: Isabel Klett

In einem ungewöhnlichen Buch berichtet der Franzose Cédric Villani aus seinem Leben als Spitzenmathematiker. Eine Begegnung.

          “Ich mag meinen Namen“, sagt der schlaksige Mann im Dreiteiler. Wie immer trägt er eine Lavallière, eine weiche Schleifenkrawatte, heute in Grün, und eine Brosche in Form einer Spinne, diesmal ein eher einfaches Modell aus Messingdraht und Glasperlen. „Es ist diese Zusammenstellung, Cédric ist ein angelsächsischer Königsname, und Villani verweist auf eine sehr bescheidene Herkunft, es ist das italienische Wort für Landarbeiter.“ Aus Italien stammt ein Teil seiner Familie, der Großvater wurde in Neapel geboren.

          Ulf von Rauchhaupt

          verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Aussagen wollen eben begründet sein, wie Theoreme bewiesen werden müssen. Dabei hat Cédric Villani sichtlich Spaß an der romantisch-künstlerhaften Erscheinung, die er pflegt, aber er ist eben Mathematiker - und nicht irgendeiner. Mit 28 wurde er Professor an der École normale supérieure de Lyon und mit 37 zudem Direktor des Institut Henri Poincaré in Paris. Und seit 2010 ist er Träger der Fields-Medaille, die auch als Nobelpreis der Mathematik bezeichnet wird, obwohl sie deutlich schwerer zu bekommen ist, da sie nur alle vier Jahre und nur an Personen unter 40 verliehen wird.

          Ein Heldenepos in LaTeX

          Über sein Arbeitsleben der Jahre 2008 bis 2010, dessen wissenschaftlicher Ertrag ihm diese Ehrung einbrachte, hat Villani im vergangenen Jahr ein Buch geschrieben, das in Frankreich ein Hit wurde und das dieser Tage unter dem Titel „Das lebendige Theorem“ auf Deutsch erschienen ist. Es ist ein literarisches Projekt; das Thema ist archaisch. Es gibt den Helden und seinen Gehilfen - Villanis ehemaliger Schüler Clément Mouhot, der heute in Cambridge lehrt. Sie ziehen aus, um den Drachen zu besiegen, der hier die Gestalt eines vertrackten mathematischen Problems hat. Statt einer Prinzessin winkt die Fields-Medaille, an die der Held aber im Angesicht des Ungetüms keinesfalls denken darf - Mathematiker verhalten sich in solchen Dingen abergläubischer als die Ritter des Mittelalters.

          Die Form der Saga ist allerdings modern: eine Collage aus tagebuchartigen Notizen, wissenschaftlichen Textauszügen inklusive seitenlanger Formelfolgen und E-Mails, die zum Teil ebenfalls voller Formeln sind, und zwar in Gestalt von Befehlen der Computersatz-Software LaTeX. Denn seit Anbruch des E-Mail-Zeitalters nutzen Wissenschaftler, die sich quantitative Argumente mitzuteilen haben, LaTeX-Code auch dazu, dies allein mit Zeichen der Tastatur zu tun. Emoticons finden sich bei Villani keine, sieht man von der Zeichenfolge „@!*#“ ab, von der jeder Comicleser weiß, wie trefflich sie ein wertendes Adjektiv ersetzen kann.

          Kein Käse in Princeton

          Erklärt wird in alledem so gut wie gar nichts. Die wenigen mathematischen Erläuterungen, die Villani gibt, erfordern Vorkenntnisse und haben nicht näher mit dem Theorem zu tun, mit denen der Held und sein Knappe ringen. „Ich wollte nicht, dass der Leser durch Bemühung, die Mathematik zu verstehen, von der Geschichte abgelenkt wird“, sagt Cédric Villani. Die Geschichte, das ist die seines Arbeitsalltags, und wenn sie auch nichts erklärt, wird doch viel gezeigt. Insofern handelt es sich beim „Lebendigen Theorem“ eben doch um ein Sachbuch. Villani, der seiner Disziplin in Frankreich ein Gesicht gegeben hat, lässt die Leser einfach einmal dabei zugucken, wie es so zugeht unter den Spitzenmathematikern unserer Zeit. Wie es ist, Tage und Nächte mit Termen und Indices zu hadern, wie es sich anfühlt, nach großen Mühen einen 180-Seiten-Beweis bei einer Fachzeitschrift eingereicht zu haben und dann zu erfahren, dass die Veröffentlichung abgelehnt wird. Oder Villani zeigt, wie angenehm sein Aufenthalt am Institute for Advances Studies in Princeton war - und wie viel besser er hätte sein können, wenn man in New Jersey vernünftigen Käse bekäme. Und schließlich lässt Villani seine Leser auch an seiner Freude teilhaben, als er die Fields-Medaille, das Objekt der verbotenen Sehnsucht, am Ende dann doch bekommt.

          Weitere Themen

          Ein Fach namens Herausforderung

          Schule : Ein Fach namens Herausforderung

          Viele Schulen schicken ihre Schüler auf Reisen, zum Ausdauersport oder ins Theater, um sie zu stärken – das bringe mehr, als wochenlang Mathe zu büffeln. Wirklich?

          Proteste im Sudan Video-Seite öffnen

          Gegen den Präsidenten : Proteste im Sudan

          Nach Zusammenstößen von Demonstranten und Sicherheitskräften sollen auch mehrere Personen ums Leben gekommen sein, wie ein Ärzteverband und Angehörige berichteten.

          Kim Jong-un in Peking eingetroffen Video-Seite öffnen

          Spitzentreffen : Kim Jong-un in Peking eingetroffen

          Kim komme auf Einladung des chinesischen Präsidenten Xi Jinping und bleibe bis Donnerstag, berichtete die chinesische Nachrichtenagentur Xinhua am Dienstag. Er sei mit seinem Privatzug angereist.

          Topmeldungen

          Liveblog zum Brexit : „Werden Karfreitagsabkommen nicht antasten“

          +++ Premierministerin stellt ihren „Plan B“ für Brexit vor +++ irischer Außenminister gegen zeitliche Begrenzung für Backstop +++ Barnier: Austrittsabkommen „bestmögliche Abmachung“ +++ Alle Entwicklungen im FAZ.NET-Liveblog. +++
          Mehr als 4 Milliarden Euro flossen 2018 in die deutsche Hauptstadt.

          11,45 Milliarden Euro : Bayern zahlt mehr als die Hälfte

          Bayern klagt seit langem über die hohen Zahlungen an andere Länder. Bald soll der Länderfinanzausgleich auf neue Füße gestellt werden. Das soll die Zahlungen verschleiern – bisher profitiert vor allem ein Bundesland davon.

          Obdachlosencamp geräumt : Berliner Empörungsritual

          Nachdem die Polizei in Berlin ein Camp von Obdachlosen geräumt hat, fühlt sich ein Linken-Politiker an das berüchtigte Gefangenenlager Guantanamo erinnert. Aussagen des grünen Bezirksbürgermeisters zeigen ein anderes Bild.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.