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Volkszählung : Pfusch vom Amt

  • -Aktualisiert am

Bürger als Datenpunkte: Statistik ist nicht gerade das einfachste Teilgebiet der angewandten Mathematik. Erst recht nicht, wenn die Politik den Daumen drauf hat. Bild: dpa

Die 2011 abgehaltene Volkszählung ist fehlerhaft und nicht transparent. Trotzdem sind externe Wissenschaftler als Kontrolleure unerwünscht.

          8 Min.

          Andreas Voßkuhle war zu Scherzen aufgelegt. Der Vorsitzende des Zweiten Senats am Bundesverfassungsgericht leitete am 24. Oktober die mündliche Verhandlung zur letzten Volkszählung, dem Zensus 2011. Dieser, frotzelte Voßkuhle, wirke auf ihn wie eine Münchhausen-Konzeption. Und als er ausgerechnet dem Chef-Statistiker der Zählung nahelegte, nur Statistiken zu glauben, die er selbst gefälscht habe, lachte der ganze Saal.

          Dabei ist das Thema alles andere als lustig: War der Zensus 2011 verfassungswidrig oder nicht? Deutschlands größte und wichtigste Datenerhebung steht in Frage und damit die Grundlage ungefähr hundert gesetzlicher Regelungen, vom Finanzausgleich bis hin zum Zuschnitt der Wahlkreise. Die Regierungen von Berlin und Hamburg haben den Zensus daher vor das höchste Gericht gebracht. Die Zählung sei falsch, sagen sie. Insbesondere großen Gemeinden seien mehr Einwohner aberkannt worden als den kleineren. Schuld sei eine neue Erhebungsmethode, die zwischen Gemeinden mit mehr und mit weniger als 10.000 Einwohnern unterschied. Das sei eine Ungleichbehandlung und verstoße ergo gegen das Grundgesetz.

          Befragt wurde nur ein Zehntel des Volks - und auch das längst nicht überall

          Der Zensus 2011 hatte die Bevölkerungszahl Deutschlands um 1,5 Millionen Menschen nach unten korrigiert, 1,8 Prozent. Das ist nicht ungewöhnlich, schließlich soll ein Zensus wie eine Inventur das komplexe und fehleranfällige System der Bevölkerungsfortschreibung präzisieren. Einzelne Gemeinden verloren aber deutlich mehr als andere, teilweise im zweistelligen Prozentbereich. Damit gehen Verluste im Finanzausgleich einher, der sich nach der Einwohnerzahl bemisst. Dem notorisch klammen Stadtstaat Berlin zog dieser Zensus 180.000 Einwohner ab, was fast eine halbe Milliarde Euro jährlich bedeutet. Und in Karlsruhe sitzt Andreas Voßkuhle und macht Witze.

          Vielleicht, weil alles so kompliziert ist. Die Zählung 2011 war keine Vollerfassung aller Einwohner, wie in der alten Bundesrepublik zuletzt 1987. Die Interviewer besuchten diesmal nur bis zu zehn Prozent der Einwohner; das Ergebnis wurde dann hochgerechnet. Allerdings eben nur in Städten mit mehr als 10.000 Einwohnern. In den kleineren Gemeinden gab es keine Stichproben. Stattdessen wurden dort die Angaben der kommunalen Melderegister nach Entfernen von Mehrfachmeldungen und einzelnen Korrekturen zum amtlichen Zensus-Ergebnis.

          Ohne korrekte Einwohnerzahlen wird auch alles andere falsch

          Mit dem Argument, durch die Stichprobe sei ihnen mehr abgezogen worden als den kleinen Gemeinden, zogen nun bundesweit insgesamt 350 Kommunen vor die Verwaltungsgerichte. Um diesen ökonomisch motivierten Aufruhr macht sich Rainer Schnell, Professor für empirische Sozialforschung an der Universität Duisburg-Essen, wenig Gedanken. Ihm geht es um etwas viel Wichtigeres: Wenn die Zensuszahlen falsch sind, dann stimmen auch viele anderen Daten nicht mehr.

          Denn die Bevölkerungszahlen stecken fast überall mit drin: in den Bildungsausgaben pro Kind, der regionalen Wirtschaftskraft, den Geburtenraten und unzähligen anderen Größen. Und keine Stichprobenerhebung, sei es zu Wahlumfragen oder für umfangreichere Forschung und Politikberatung, lässt sich ohne Kenntnis der Bevölkerungsstruktur richtig hochrechnen. Damit die Bevölkerungszahlen korrekt sind, schreibt die Europäische Union alle zehn Jahre einen Zensus vor. Ist er falsch, sind auch alle Hochrechnungen falsch, sagt Rainer Schnell. Mit der Qualität des Zensus steht und fällt die Fähigkeit der Gesellschaft, sich selbst zu beobachten. Aber war der Zensus tatsächlich falsch?

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