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Philosophie : Der neue Aristoteles

Bild: F.A.S.

Kurt Gödel war der bedeutendste Logiker der Neuzeit. Nun zeigt sich: Er war auch Philosoph. Fragen an Eva-Maria Engelen, die Herausgeberin seiner Notizbücher.

          4 Min.

          Frau Engelen, Kurt Gödel ist berühmt für seinen 1931 geführten Beweis seiner Unvollständigkeitssätze, denen zufolge es in der Mathematik unbeweisbare, aber gleichwohl wahre Sätze gibt. In seinem Nachlass fanden sich allerdings fünfzehn Hefte mit Notizen zu philosophischen Fragen, die Sie edieren und deren erster Band „Philosophie I Maximen O“ kürzlich bei de Gruyter erschienen ist. War Gödel auch ein Philosoph?

          Ulf von Rauchhaupt

          Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Gödel hatte in Wien neben Mathematik und Physik auch intensiv Philosophie studiert und war als sehr junger Mann Mitglied des Wiener Kreises, also einer richtungsweisenden philosophischen Schule des 20. Jahrhunderts. Dort wurde er mit den drängenden philosophischen Problemen der Zeit vertraut sowie mit zwei unterschiedlichen Weisen, sie zu beantworten: mit der des logischen Empirismus und mit der Ludwig Wittgensteins. Und es gehörte zu seinem Selbstverständnis, sich eine eigene philosophische Auffassung zu erarbeiten. Trotzdem hat er kaum philosophische Arbeiten veröffentlicht. Aber er hat über Jahrzehnte philosophische Notizbücher geführt und aus den Eintragungen dort neue kompiliert.

          Welche philosophischen Auffassungen waren das? Man liest oft, Gödel sei Platoniker gewesen ...

          Weil die Mathematik für ihn eine nichtsinnliche mathematische Wirklichkeit beschreibt, die unabhängig vom menschlichen Geist existiert. Doch hat er sich mit Platons Werk kaum befasst. Was seine philosophische Position angeht, ist Gödel extremer Rationalist. Er geht von einer rationalen Metaphysik aus und will sie zur Grundlage der unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen machen. Dabei widmet er sich beispielsweise der Frage, ob der menschliche Geist als Maschine aufgefasst werden kann. Zudem beschäftigt er sich mit der Rolle von Empfindungen, Emotionen, Wahrnehmung und Erinnerung für das Bewusstsein und das Denken. Auch die Fragen nach dem Leben, der Zeit, von Wahrnehmung, Begriff und dem Glück treiben ihn um. Er greift die großen Themen der Philosophie auf. Eine systematische Philosophie hat er uns zwar nicht hinterlassen, einen Philosophen dürfen wir ihn gleichwohl nennen.

          Im Wiener Kreis soll er kaum das Wort ergriffen haben. Und in seinen Notizen geht es um Fragen, welche die meisten dort als „metaphysisch“ und damit nach ihrem Verständnis als unwissenschaftlich oder gar sinnlos betrachtet hätten. Die Position des logischen Empirismus orientierte sich an einem Ideal von Exaktheit, das man in Mathematik und Physik verwirklicht sah. Wurde Gödel im Wiener Kreis zu einem Gegner dieser Art des Philosophierens?

          Gödel selbst hat es so ausgedrückt. Er hat den logischen Empirismus abgelehnt, weil ein radikaler Empirismus theoretisches Denken ausschließt und Mathematik für ihn mehr ist als Syntax der Sprache. Da er im Wiener Kreis mit Abstand der herausragende Logiker war, dürften sich die anderen schwer getan haben, über den letzten Punkt mit ihm zu diskutieren. Aus den Tagebüchern Rudolf Carnaps, die nun auch ediert werden, wissen wir, dass Gödel zumindest bei den häufigen Treffen des Kreises in Wiener Kaffeehäusern oder Privatwohnungen durchaus mitgeredet hat. Ihm war im Übrigen bewusst, wie sehr er mit seiner Philosophie aus der Zeit fiel. Dennoch haben ihn die Diskussionen im Wiener Kreis sehr geprägt. Für ihn wie für den Kreis war Leibniz eines der maßgeblichen Vorbilder. Gemeinsam war ihnen zum Beispiel auch die interdisziplinäre Herangehensweise an philosophische Fragen.

          Da fragt man sich, warum seine Notizbücher erst jetzt ediert werden ...

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