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Demokratiekompetenz : Das Problem der großen Zahlen

Einer, der mit großen Zahlen auch ohne Umskalierung und Vergleiche umgehen können muss: Finanzminister Christian Lindner. Bild: dpa

In der Politik wird oft mit großen Zahlen hantiert, für die den meisten die Anschauung fehlt. Dabei gibt es ein paar Strategien, wie man das Verständnis verbessern kann.

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          Wir Menschen, das zeigt die Erfahrung, sind für den Umgang mit großen Zahlen nicht gemacht. Da kommt es schon mal vor, dass wir Milliarden und Millionen verwechseln, – ist beides halt sehr viel –, was uns beim Vergleich von Hunderten und Tausenden dagegen glücklicherweise selten passiert. Die fehlende Intuition für sehr, sehr Großes stört uns im Alltag kaum.

          Und doch gibt es Ausnahmen: Als mündige Bürger sollten wir durchaus in der Lage sein, uns ein Bild über milliardenschwere Nachtragshaushalte oder millionenschwere Bildungsinvestitionen zu machen, so unanschaulich das auch sein mag.

          Wie das gelingen kann, diskutieren amerikanische Wissenschaftler in den „Proceedings“ der amerikanischen Nationalen Akademie der Wissenschaften. In Online-Experimenten ließen sie staatliche Ausgaben hinsichtlich ihrer Höhe vergleichen, ordnen und einschätzen. Einmal gaben die Forscher die einige Milliarden umfassenden Posten direkt an, zum Vergleich rechneten sie die Beträge in Pro-Kopf-Angaben um.

          Das Ergebnis: Wurden die Zahlen herunterskaliert, verbesserte sich das Verständnis, die kognitive Repräsentation der Zahlen wurde deutlich präziser. Das klappte auch mit abstrakten Vergleichsgrößen. So drückten die Forscher in einem der Tests die nationalen Ausgaben relativ zu den Kosten der Kuppel des amerikanischen Kapitols aus (20 Millionen Dollar) und verbesserten so die Anschauung.

          Astrophysiker kennen den Trick natürlich schon lange. Wer kann sich beispielsweise vorstellen, was es heißt, dass der Neptun im Mittel 4475 Millionen Kilometer von der Sonne entfernt ist? Der Zusatz, dass das der dreißigfache Abstand zwischen Sonne und Erde ist, hilft da schon deutlich weiter.

          Vielleicht könnte man die Kompetenz der Astrophysiker im Umgang mit großen Zahlen ja auch für die politische Kommunikation fruchtbar machen: 928 Euro pro Kilometer zur Sonne hat der Bund etwa bis einschließlich Mai 2022 eingenommen im Vergleich zu 757 Euro im Vorjahr. Nicht nur den Freunden des Kosmos könnte man so den Zugang zur Politik erleichtern.

          Sibylle Anderl
          Redakteurin im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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