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Meilenstein dank Hirnimplantat : Die Gedanken eines Eingeschlossenen

Zwei solcher Mikroelektroden-Panels, jedes 3,2 Quadratmillimeter groß, wurden zum Ableiten der Hirnsignale in die Großhirnrinde verpflanzt. Bild: EMBARGO 22.03.2022, 17:00, Wyss Center for Bio and Neuroengineering

Ein junger schwerkranker Mann ist verstummt. Gefangen in seinem eigenen Körper. Dann lernt er, durch Drähte im Hirn zu sprechen. Eine Sensation der Neurotechnik und ein deutsches Forscherdrama.

          5 Min.

          Kann man von einem Wunder sprechen? Darf man das überhaupt, wenn es um Wissenschaft geht? Wer überzeugt ist, dass Gedankenlesen nicht funktioniert, nicht mit den heutigen Mitteln und Methoden der Hirnforschung, der muss sich wohl oder übel mit dem Wunderglauben begnügen und den Kopf weiter darüber schütteln, was soeben in der Zeitschrift „Nature Communica­tions“ veröffentlicht worden ist. Ein vierunddreißigjähriger, vollständig gelähmter, mit keiner Faser seines Körpers mehr bewegungs- und damit kommunikationsfähiger Mann, ein Patient im sogenannten Complete-Locked-in-Stadium, kurz CLIS, kann sich nun offenbar wieder dank einer neurotechnischen Intervention seiner Familie und der Welt mitteilen: „mein groe­sster wunsch ist eine neue bett und das ich morgen mitkommen darf zum grillen“ – das sind die Worte des Mannes am Tag 462 nach der Einpflanzung von Elektroden in sein Gehirn. Das war im ersten Jahr der Pandemie. Ein Jahr vorher hatte er damit begonnen, was man als virtuelles Sprechenlernen über Drahtverbindungen bezeichnen könnte.

          Joachim Müller-Jung
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Der Mann war an Amyotropher Lateralsklerose (ALS) erkrankt, einem seltenen nervenzerstörenden Leiden, das bei ihm ausgesprochen früh begann und schnell eskalierte. Die fortschreitende Lähmung bei ALS-Patienten erfasst nach und nach jeden Körperteil, jedes Organ. Statistisch trifft sie jährlich etwa zwei von hunderttausend Menschen. Irgendwann kommunizieren die pflegebedürftigen Schwerkranken nur noch mit ihren Augenlidern, immer mehr Muskeln versagen ihren Dienst. Bei manchen bleiben bis zum Ende wenigstens Restfunktionen der Gesichtsmuskeln. Mit Zuckungen sprechen sie oder drücken Gefühle aus. Bei dem jungen Mann ging das bald nicht mehr. Seine Augen waren endgültig geschlossen. Er war wach und bei Bewusstsein, anders als Komapatienten, er hörte auch, aber er konnte sich weder mit den Lidern noch mit den Pupillen mitteilen. Er war, wie es in dem Bericht der Neurowissenschaftler heißt, ein kompletter Locked-in-Patient – junges Opfer des „Eingeschlossensein-Syndroms“, CLIS eben.

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