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Carl Friedrich von Weizsäcker : Nur die Zukunft ist möglich

Eine deutsche Familie. Carl Friedrich von Weizsäcker (links) im Jahre 1988 und sein jüngerer Bruder Richard, der damalige Bundespräsident.

Eine deutsche Familie. Carl Friedrich von Weizsäcker (links) im Jahre 1988 und sein jüngerer Bruder Richard, der damalige Bundespräsident. Bild: dpa

Carl Friedrich von Weizsäcker ist in seinem abwechslungsreichen Gelehrtenleben nicht alles gelungen. Eine Annäherung zum 100. Geburtstag.

          6 Min.

          Ich bin bereit zuzugeben, ich war verrückt." Dies sagte Carl Friedrich von Weizsäcker 1991 in einem Interview mit dem Spiegel. Wie unerhört. Jahrzehntelang hatte der Mann mit der hohen Stirn in Deutschland im Ansehen eines Weisen gestanden. Von den 1950er Jahren bis zu seinem Tode im April 2007 erfreute sich kaum eine andere Figur des öffentlichen Lebens einer vergleichbaren moralischen und intellektuellen Autorität, kein Politiker, kein Kirchenmann und auch kein anderer Intellektueller. Der "Physiker, Philosoph und Friedensforscher" engagierte sich umtriebig und wortmächtig gegen nukleare Aufrüstung; 1979 trug ihm die SPD an, für das Amt des Bundespräsidenten zu kandidieren. Zugleich lernte jeder Physikstudent im Grundstudium die Weizsäckersche Massenformel, und jeder zweite hatte die Hanser-Bände mit den dunkelblauen Umschlägen im Regal stehen: "Wahrnehmung der Neuzeit", "Der Garten des Menschlichen" und "Aufbau der Physik".

          Ulf von Rauchhaupt
          Redakteur im Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Dieser Mann bekannte nun, wenn auch zaghaft, eine Verstrickung in die Nuklearforschung im nationalsozialistischen Deutschland. Ende 1938 war dort die Kernspaltung an Uran entdeckt worden. Der junge Privatdozent war damals bereits ein führender Experte der theoretischen Kernphysik. Bald erkannte er unter anderem, dass sich Kernspaltung auch mit dem später Plutonium genannten Element bewerkstelligen ließe, und behielt diese Einsicht trotz der Umstände nicht für sich. "Ich dachte, wenn der Bau einer Bombe auf diese Weise möglich ist, dann werde ich einer sein, mit dem man darüber reden muss", sagte er 1991. "Ich hatte die Vorstellung, dass ich politischen Einfluss gewinnen könnte, Ich habe geglaubt, es könnte ja sein, dass man Hitler zu einer Politik des Friedens bewegen kann."

          Eine Hagiographie hat er nicht verdient ...

          Gehört es sich, diese alte Nazi-Nuklear-Geschichte ausgerechnet zu seinem 100. Geburtstag wieder aufzuwärmen? Und auch noch anderes, was nicht so glatt lief, etwa das Ende des für ihn gegründeten Starnberger Max-Planck-Institutes für die Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt? Oder die, gelinde gesagt, maue Rezeption seines Ansatzes einer transzendentalphilosophischen Begründung der Physik? Die Nationalakademie Leopoldina in Halle, deren sehr aktives Mitglied Weizsäcker war, hat vergangene Woche genau das getan.

          Im frisch restaurierten Hauptsitz der Deutschen Akademie der Naturforscher versammelten sich Historiker, Experten aus den verschiedenen Arbeits- und Interessengebieten Weizsäckers sowie einstige Schüler und Mitarbeiter. Auch Mitglieder seiner Familie waren anwesend. Die Wissenschaftshistoriker Dieter Hoffmann aus Berlin und Klaus Hentschel aus Stuttgart hatten ein dreitägiges Symposion organisiert, in dessen Rahmen auch der Carl Friedrich von Weizsäcker-Preis an den Berliner Bildungsforscher Jürgen Baumert verliehen wurde. Zu objektiver Distanz verpflichtete Forscher in einem Saal mit einer Festgemeinde - wie konnte das gutgehen?

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