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Tückische Arzneidroge : Mit Cannabis in die Notaufnahme

Eine Marihuanapflanze (Symbolbild) Bild: AFP

Seitdem Cannabis als Medizin unters Volk gebracht wird, ist alles anders. Plötzlich wird die „weiche“ Droge auch für Kliniken zum handfesten Problem: Noteinweisungen und Psychosen nehmen zu.

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          Viel hilft viel ist oft der sicherste Weg in die Hölle. Das gilt für Gewürze, fürs Geld und meistens eben auch für Arzneien. Für gestandene Lobbyisten spielt das natürlich keine Rolle. Sie spielen gern mit dem Feuer, solange sichergestellt ist, dass sich nur die anderen die Hand daran verbrennen.

          Der Deutsche Hanfverband hat vor kurzem, als sich das Gesetz „Cannabis als Medizin“ zum zweiten Mal jährte, darüber geklagt, dass die Bevölkerung trotz einer inzwischen Verzehnfachung der Zahl von mit Cannabisprodukten versorgten Patienten noch immer am Cannabismangel leidet. Die Ärzte seien viel zu zurückhaltend, die Kassen zu widerspenstig, was die Kostenerstattung angeht, die Apothekenpreise zu hoch und die Lieferengpässe ein Ärger, weil Deutschland den kommerziellen Hanfanbau verschleppt.

          Fünfzig- bis sechzigtausend Cannabiskunden, die aus Krankenkassenbeiträgen finanziert werden, sind dem Verband lange nicht genug, achthunderttausend sollten es schon werden. Die Chancen stehen nicht schlecht. Überall dort, wo die Kampagnen, Cannabis als Medizinprodukt breit zu etablieren und ohne die üblichen Pharmazulassungshürden auf den Markt zu bringen, erfolgreich waren, gibt es kein Halten mehr.

          In Colorado hat die sukzessive Liberalisierung der Droge zwischen 2012 und 2016 zu einer Verdreifachung der Noteinweisungen wegen Cannabismissbrauch geführt. In den „Annals of Internal Medicine“ berichten die Ärzte des Uniklinikums in Colorado bestürzt, wie sich immer mehr Konsumenten buchstäblich die Seele aus dem Leib kotzen, weil sie mit den Cannabisarzneien, die sie schlucken und nicht mehr rauchen sollen, nicht so schnell die gewünschte Wirkung erzielen. Sie verdrängen (oder wollen es nicht hören, weil es ihnen anders eingeflüstert wird), dass Cannabis alles andere als harmlose Substanzen enthält.

          Der Wahn zieht immer größere Kreise. Im „Lancet Psychiatry“ wurde jüngst eine große, multizentrische Studie aus elf Städten vorgestellt, die klar zeigt: Wo viele Menschen täglich Cannabis konsumierten wie in Amsterdam oder London und wo sich – inzwischen überall nachgewiesen – der Gehalt am psychoaktiven Cannabiswirkstoff THC vervielfacht hat, sind schwere Psychosen bis zu fünfmal so häufig geworden. Wahnvorstellungen, Denkschwierigkeiten, Halluzinationen und Vergiftungen – für die Hölle macht ja sonst keiner Propaganda. Wir schon, wir reden, worüber Lobbyisten schweigen.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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