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Hitzewelle in Südasien : Wie feuchte Hitze zum Killer wird

Die Beobachtungen passen noch nicht zu den Labordaten

Epidemiologen befürchteten eine hohe Übersterblichkeit, vor allem in den Bevölkerungsgruppen, die mit extremen Belastungen nur schlecht zurechtkommen. Also werteten sie Sterbezahlen aus. Doch in den Daten fand sich kein Hinweis auf eine erhöhte Mortalität, und auch in anderen Studien ließ sich bislang nicht nachweisen, dass Feuchte zusammen mit Hitzewellen zu höherer Mortalität führt. Wie kann das sein?

An der maximalen Belastungsgrenze von 35 Grad Feuchttemperatur gibt es jedenfalls keine Zweifel. Das dafür notwendige physiologische Wissen ist komplett, die Zusammenhänge sind spätestens seit den Experimenten des amerikanischen Militärs in den fünfziger Jahren klar. Hitzestress bedeutet eben mehr als hohe Temperaturen, daher wurden mehr als 120 verschiedene Hitzestressindikatoren entwickelt, um die Auswirkungen auf den menschlichen Körper näherungsweise abzubilden. Darunter sind die „Wet Bulb Globe Temperature“ des amerikanischen Militärs, der Hitzeindex des amerikanischen Wetterdiensts NWS oder der Humidex aus Kanada.

Dass Schwüle desto gefährlicher für den Organismus ist, je extremer sie wird: das sei in vielen Laborstudien an Tieren und Menschen bestätigt worden, sagt Antonio Gasparrini, Epidemiologe an der London School of Hygiene and Tropical Medicine. Allerdings zeigen reale Untersuchungen gewaltige Unterschiede zwischen Regionen und Bevölkerungen. Das ist das große Problem mit der feuchten Hitze: Die Studienergebnisse, die die Laborstudien erwarten lassen, passen nicht zu den epidemiologischen Untersuchungen. Der Effekt der feuchten Hitze schimmert bisher noch nicht durch. „In der Tat bestätigen die Ergebnisse der epidemiologischen Untersuchungen nicht die Hypothesen der Laborstudien“, sagt Gasparrini, „genauso wenig, wie sie das physiologische Wissen bestätigen, wonach feuchte Hitze notwendigerweise schlimmer ist als trockene Hitze.“

Welche Rolle spielt das Verhalten jedes Einzelnen?

Ein Grund hierfür könnte sein, dass die untersuchten Daten nicht die besten sind. Das trifft nicht auf Wetterdaten zu, die gebe es in hoher Abdeckung, Auflösung und akzeptabler Verlässlichkeit, erklärt Gasparrini. Gute Sterbedaten hingegen stehen nur aus den Industrieländern zur Verfügung. Hinzu kommt der Faktor Mensch: Wie belastend feuchte Hitze ist, hängt auch vom Verhalten jedes Einzelnen ab. Das können die Hitzestressindikatoren nicht abbilden. Insofern seien sie „mit Vorsicht zu genießen“, sagt Jakob Zscheischler, Hydrosystemforscher am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig. So macht es einen großen Unterschied, welche Kleidung man trägt, ob man arbeitet oder ruht, ob ein Lüftchen weht oder ob man der direkten Sonne ausgesetzt ist. Entscheidend ist außerdem, wie lange die unerträglichen Bedingungen anhalten – und ob man Zugang zu Kühlräumen hat.

Das exakte Muster von feuchter Hitze und Mortalität bleibt also vorerst ein Rätsel. Um es zu lösen, haben sich nun Epidemiologen und Klimaforscher unter dem Dach der Europäischen Geowissenschaftler-Union (EGU) zusammengetan. Eine Erklärung könnte sein, dass Feuchte auf lokaler Ebene zeitlich kaum variiert, die Temperatur aber sehr wohl. Und da epidemiologische Modelle oft kleinräumig angelegt sind, lässt sich ein möglicher Feuchteeffekt lokal gar nicht aufspüren, höchstens zwischen Regionen oder Ländern. Unterschiede in der Temperatur fallen da schon eher auf.

Sicher ist nur eines: Die Uhr tickt. Feuchttemperaturen von 35 Grad könnten in den vulnerablen Regionen bei einem globalen Temperaturanstieg von drei Grad beinahe jährlich auftreten, die Wahrscheinlichkeit für feuchte Hitze lässt sich in den Klimamodellen ziemlich genau vorhersagen. Damit ist klar, was auf dem Spiel steht: das Überleben ganzer Regionen dieser Welt.

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