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Hitzewelle in Südasien : Wie feuchte Hitze zum Killer wird

Im Gegensatz zum vertrauten Maß der Lufttemperatur ist die Feuchttemperatur keine einfache Größe. Gemessen wird sie mit einem Psychrometer, das aus zwei Thermometern besteht. Das eine misst die Lufttemperatur, das andere ist in einen feuchten Baumwollstrumpf gewickelt, um die Feuchttemperatur zu ermitteln. Beträgt die Luftfeuchte hundert Prozent, zeigen beide Thermometer dieselbe Temperatur an. Sonst liegt die Feuchttemperatur immer unter der Lufttemperatur: Je trockener die Luft, desto niedriger ist sie, desto effektiver kann Schweiß die Haut kühlen.

Werden weite Landstriche unbewohnbar?

Von lebensgefährlichen Feuchttemperaturen sind die meisten Regionen noch weit entfernt. Weltweit steigt die Feuchttemperatur glücklicherweise selten über die Dreißig-Grad-Marke. Doch das muss nicht so bleiben. Südasien, die Arabische Halbinsel sowie küstennahe Teile Afrikas, Australiens und Mittelamerikas gelten als feuchte Hotspots und werden intensiv erforscht. Der Frankfurter Klimaforscher Joachim Curtius hält Dampfsaunabedingungen rund um das Arabische Meer und den Persischen Golf schon in naher Zukunft für ein realistisches Katastrophenszenario mit möglicherweise sehr vielen Todesfällen. „Meines Erachtens ist dieses Risiko bisher unterschätzt und zu wenig bekannt“, sagt er. Besonderes Augenmerk richten gewissenhafte Wissenschaftler wie er dabei auf die besonders vulnerablen Länder am Arabischen Meer, die sich der kritischen Grenze langsam nähern. Einige Hundert Millionen Menschen leben hier in Pakistan und Indien in einem Klima des zunehmenden Hitzestresses. Die Zukunft dieser Region ist massiv bedroht.

In Lahore, Pakistan, schwimmen Menschen in einem Kanal, um sich abzukühlen. Die Wetterstation in Jacobabad registrierte am Wochenende 51 Grad Celsius.
In Lahore, Pakistan, schwimmen Menschen in einem Kanal, um sich abzukühlen. Die Wetterstation in Jacobabad registrierte am Wochenende 51 Grad Celsius. : Bild: dpa

An der ETH Zürich forscht Erich Fischer an solchen Extremszenarien. Als einer der Leitautoren des jüngsten Weltklimaberichts möchte er besser begreifen, wie solche Bedingungen genau entstehen und ob deshalb irgendwann ganze Landstriche unbewohnbar werden. Die Nähe zum warmen Ozean, die großen Flüsse und weite Bewässerungsflächen machen die Region zwischen Indus und Ganges anfällig für hohe Luftfeuchte. Fischer ist ein fitter Mittvierziger, der trotz Hitze gerne laufen geht. Bei großer Schwüle komme er jedoch schnell an seine Belastungsgrenze, erzählt er. Und das seien nur mitteleuropäische Werte. Extreme Hitze hält er zwar ebenfalls für gefährlich, aber „selbst im Death Valley kann man mit ausreichend Trinken überleben“. Trockene Hitze habe kein physiologisches Limit.

Bei extremen Feuchttemperaturen sinkt die Überlebenschance hingegen schnell gegen null. Solche Bedingungen sind kein gruseliges Zukunftsszenario, sondern vereinzelt schon bittere Realität. Klimaforscher haben Hinweise gefunden, dass das Limit der Belastbarkeit bereits mehrfach im heutigen Klima aufgetreten ist. Vor zwei Jahren legte Colin Raymond vom California Institute of Technology im Fachmagazin „Science Advances“ eine Datenanalyse zu den Jahren 1979 bis 2017 vor und konnte solche Extrembedingungen nachweisen. Demnach wurden auf der Arabischen Halbinsel schon achtzigmal Feuchttemperaturen von mehr als 33 Grad erreicht, zweimal knackte die Temperatur sogar kurzzeitig die Schwelle von 35 Grad.

Und noch etwas zeigte die Studie: Feuchte Extremhitze trat am Ende des Untersuchungszeitraums doppelt so häufig auf wie am Anfang. Ein Ereignis hat die Klimaforscher besonders elektrisiert: die letzte Juliwoche 2015 am Persischen Golf. Eine Woche lang herrschte damals in der Region außergewöhnliche Hitze, die Temperatur stieg täglich auf mehr als 40 Grad. Am letzten Julitag erreichte die Hitzewelle ihren Höhepunkt: Im irakischen Basra und iranischen Omidiyeh kletterte das Thermometer auf 51 Grad, das Wasser im Golf erhitzte sich auf mehr als 34 Grad. Am späten Nachmittag drehte der Wind auf Südost, und die Waschküchenluft über dem Golf zog landwärts. In der iranischen Hafenstadt Mahschahr stieg die Temperatur dadurch auf 46 Grad, die Luftfeuchte erreichte 49 Prozent – umgerechnet fast 35 Grad Feuchttemperatur. Für kurze Zeit herrschten Bedingungen, die ohne eine künstliche Kühlung nicht zu überleben sind. Bis heute gilt das Ereignis als schlimmste feuchte Hitzewelle, die jemals aufgezeichnet wurde.

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