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Brasiliens Zika-Seuche : Monströses Virus wird weltweit zur Bedrohung

Ein vier Monate altes Baby mit Mikrozephalie. In anderen Fällen endet die Schädelfehlbildung vor oder kurz nach der Geburt tödlich. Dass wohl ein Zusammenhang zum Zika-Virus besteht, wird immer deutlicher. Bild: dpa

Mehr Beweise braucht es kaum: Das Zika-Virus schädigt massiv die Köpfe von Föten im Mutterleib. Brasiliens Seuche droht nun die Welt zu erobern. Die Suche nach Gegenmittel drängt mehr denn je vor den Olympischen Spielen.

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          Nun gibt es wohl kaum noch Zweifel: Die Zika-Viren, die vor drei Jahren mutmaßlich von Französisch Polynesien nach Brasilien eingeschleppt wurden, und sich spätestens seit Mai vergangenen Jahres in Süd- und Mittelamerika ausgebreitet haben, sind mit größter Wahrscheinlichkeit die Ursache für Tausende von Schädelfehlbildungen bei Neugeborenen und einer Ausbreitung einer Nervenkrankheit, Guillain-Barré-Syndrom, bei Erwachsenen.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Schon seit Wochen sammeln sich entsprechende Hinweise aus Experimenten mit Nervenzellen und Vorläuferzellen von Hirnneuronen, die im Labor gezüchtet und mit dem Erreger infiziert wurden. Zuerst waren es Indizien, schließlich erdrückende Belege. Noch nie waren wissenschaftliche Veröffentlichungen so schnell  nach den Versuchen im Labor publiziert worden, noch nie war die weltweite Forschergemeinde auch so konsequent und mit beispielhafter Transparenz bemüht, den schlimmen Anfangsverdacht hoffentlich auszuräumen. 

          Nach den neuesten Studien ist jedoch klar: Die viel zu kleinen Köpfe der Opfer sind kein Zufall. Die ungewöhnliche Häufung dieser Mikrozephalien auf das Zwanzigfache, die man von Mai bis November 2015 in Brasilien registriert hat und die am 1. Februar die Weltgesundheitsorganisation zur Ausrufung eines internationalen Gesundheitsnotstandes bewogen hat, ist das Resultat der Zika-Infektionswelle - und damit auch einer bis dato noch nicht beobachteten Wandlung von einem seit Jahrzehnten von Tigermücken übertragenen, an sich harmlosen tropischen Virus zu einer ernsten weltumspannenden Bedrohung. In mindestens 38 tropischen und subtropischen Ländern ist das Virus mittlerweile nachgewiesen worden, rund 1500 Mikrozephalie-Fälle in Brasilien sind medizinisch bestätigt worden. Nach den jüngsten Schätzungen von Epidemiologen ist derzeit jede fünfte Schwangere in Brasilien von einer Ansteckung bedroht.  „Je mehr wir wissen, desto schlimmer sieht die Lage aus“, sagte vor wenigen Tagen WHO-Generaldirektorin Margaret Chan.

          Die neuesten wissenschaftlichen Belege stammen aus verschiendenen Labors rund um den Globus:

          • Die ersten Tierexperimente unter anderem an der University of California zeigen: Erreger des brasilianischen Zika-Stamms führen eindeutig zu Entwicklungsverzögerungen bei Mäuseföten, insbesondere zu Missbildungen der Großhirnrinde. Infizierte Nervenzellen und Miniorgane - Hirn-Organoide - werden von den Zika-Viren infiziert, viele Zellen, insbesondere Nervenvorläuferzellen, gehen zugrunde. (publiziert in „Nature“)
             
          • Chinesische Forscher haben wenige Wochen alte Mäuse mit einem genetisch verwandten Zika-Erreger aus Asien infiziert. Fünf Tage später war das Gehirn der infizierten Tiere nur ein Fünftel so groß wie bei den Kontrolltieren (publiziert in „Cell Stem Cell“)
             
          • Die Übertragung der Viren von der infizierten Mutter über die Plazenta zum Fötus wurde an der University of Washington Schoof of Medicine in Saint Louis demonstriert. Im Mutterkuchen von Versuchstieren war die Zahl der Viren fast tausendmal so hoch wie in anderen Körperzellen. (publiziert in „Cell“)
             
          • Schon im April hatten verschiedene Forschergruppen gezeigt, dass die brasilianischen Zika-Viren insbesondere junge Nervenzellen, die man aus Stammzellen in der Petrischale erzeugt hatte,  infizieren und absterben lassen. Biomediziner an der Universität von Rio de Janeiro haben auch elektronenmikroskopische Belege geliefert, dass die Erreger junge Nervenzellen befallen, zerstören und darüber hinaus die Neubildung von Neuronen beeinträchtigen. (publiziert in „Science“)  
             

          Noch ist nicht völlig klar, wie das Virus die Nervenzellen zerstört und wie es genetisch zu diesem „Monster-Virus“ geworden ist. In jeder der vier Veröffentlichungen wird außerdem betont, dass der ultimative experimentelle Beweis noch ausstehe, solange es keine Ergebnisse von Experimenten mit Affen gebe, die uns entwicklungsbiologisch wesentlich näher stehen und damit auch aussagekräftiger sind. Dennoch lässt sich aus den Erfahrungsberichten in den Labors herauslesen, dass dieser ursächliche Nachweis für die Zika-Mikrozephalie-Verbindung nur noch formaler Natur ist.

          Für die Zika-Risiken, insbesondere wenn im Sommer eine halbe Million Besucher zu den Olympischen Spielen erwartet und  die weitere Ausbreitung der Erreger befürchtet wird, bedeutet das: die Bekämpfung der Überträgermücken und die Entwicklung von Impfstoffen und Medikamenten haben höchste Priorität. „Die Welt steht vor einer schweren Krise der öffentlichen Gesundheitssysteme“, warnte WHO-Chefin Chan. Zwar sind weltweit rund 30 Firmen derzeit dabei, günstige und vor allem auch verlässliche Tests für den Zika-Nachweis zu entwickeln - oder haben ihre Neuentwicklungen bereits vorgelegt. Auch sind 23 Projekte zur Herstellung eines Impfstoffs inzwischen registriert. Doch keines der Mittel kann rechtzeitig vor den Olympischen Spielen auf den Markt kommen. Der Hauptgrund: Weil insbesondere Schwangere geschützt werden sollen, müssen die Substanzen höchste Sicherheitsanforderungen im Hinblick auf Toxizität und Nebenwirkungen erfüllen. „Wir hoffen, dass mit einigen der Produkte noch in diesem Jahr klinische Versuche begonnen werden“, kündigte die WHO-Generaldirektorin an.

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